Der heruntergekommene Gott

22. Januar 2022
Schmallenberg
Wort zum Sonntag

In allen Weltreligionen geht es letztlich um die Frage: Wie kann ich als Mensch es schaffen, einen Weg zu Gott zu finden? Eine verbreitete Annahme ist es, dabei gehe es vor allem um Leistungen, die ich erbringen muss, um die Seligkeit, die Erfüllung in Gott zu verdienen.

 

Was ist nun das Besondere am Christentum, was macht die Einmaligkeit und Liebenswürdigkeit des Evangeliums aus?

Auf den Punkt gebracht lautet diese frohe Botschaft: In Jesus Christus hat Gott selbst sich aufgemacht, um den trennenden Abstand zwischen ihm und den Menschen zu überwinden. Er sucht vor allem die Nähe derer, die in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Es ist die Botschaft vom „heruntergekommenen“ Gott, der es im Himmel vor Sehnsucht zu den Menschen nicht aushält, zu ihnen herunterkommt und ihnen entgegenläuft wie der Vater seinem verlorenen Sohn im gleichnamigen Gleichnis. Dies zeigt die Predigt, die Jesus in der Synagoge seines Heimatortes Nazareth gehalten hat. An diesem Sonntag ist in den Gottesdiensten davon zu hören: Jesus spricht dort darüber, was das Zentrum seiner Verkündigung, was die Kernbotschaft seines göttlichen Auftrags ist. Er fasst es mit den Worten des Propheten Jesaja zusammen: „Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“(Lk 4,18) Und er fügt hinzu: „Heute hat sich das Schriftwort, das Ihr eben gehört habt, erfüllt.“

 

Jesus will seinem Publikum sagen: Mit mir ist das Prophetenwort erfüllt worden, denn ab heute bin ich die Hoffnung in aller Hoffnungslosigkeit und das Licht, das allen Menschen aufstrahlt, die in der Dunkelheit dieser vergänglichen Welt stecken.

Dieses Heute meint nicht nur jenen Tag in Nazareth vor 2000 Jahren, es ist auch der Tag, der für uns heute Morgen aufgegangen ist; denn mit den Armen, Gefangenen und Blinden sind wir gemeint. Das was Jesus Christus in die Welt bringt und mit seinem ganzen Leben bebildert, ist ein Gott, der sich nach dem Verlorenen verzehrt und es im Himmel nicht aushalten kann, weil er uns Verlorene zu sich holen will. Und wo wir von dieser Liebe Gottes und von seinem Erbarmen getroffen werden, da wird in unserem Leben alles neu.

 

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden den Tag heute beginnen mit dem Gedanken: Gott ist zu mir vom Himmel heruntergekommen und hat mich angenommen. Heute schenkt er mir sein Heil. Ich möchte wetten, dann würde sich etwas ändern im Laufe des Tages.

 

Thomas Rickert, Ständiger Diakon im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe