Wort zum Sonntag

Streiten will gelernt sein!

Pastor Ludger Vornholz

6. September 2020: Wundern Sie sich über diese Aussage? Ein Blick in die Bibel wird sichtbar machen, dass es in ihr häufig um Streitigkeiten geht. Natürlich hat, wie vieles im Leben, Streiten zwei Seiten: eine zerstörerische und eine klärende Wirkung. Streit als Auseinandersetzung, um eine richtige Entscheidung zu treffen oder ein menschliches Miteinander zu ermöglichen will gelernt sein.

In Mt 18,15-20 zeigt Jesus ein Verfahren auf, wie eine Auseinandersetzung geführt werden kann: Zurechtweisung erst unter vier Augen, wenn dies nichts nutzt, solle man zwei oder drei Zeugen hinzuziehen. Fruchtet dies auch nicht, soll die Gemeinde einbezogen werden. Nutzen aber alle Bemühungen nichts, dann erfolgt der Ausschluss aus der Gemeinde. Soweit so klar, aber nur auf den ersten Blick!

Um die Textstelle Mt 18, 15-20 herum sind Texte angeordnet, die an die christliche Aufgabe der Barmherzigkeit appellieren. Da ist vom Suchen des verlorenen Schafes die Rede (V 12-14) und nach dem Textabschnitt folgen Mahnungen zur Vergebung (V21-35). Erinnern sollte man sich bei dieser Thematik auch an andere Aussagen Jesu zu den Auseinandersetzungen, wie z.B. das Verbot zu richten (7,1f.) oder an das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (13,36-43), das vor vorschnellem Handeln warnt.

Die Handlungsempfehlung Jesu in Mt 18,15-20 ist auf den ersten Blick klar und pragmatisch. Weil aber einzelne Aussagen der Bibel sinnvoller Weise in ihrem Kontext zu betrachten sind, glaube ich, dass der Evangelist Matthäus durch seine redaktionelle Anordnung der Texte einen barmherzigen und rücksichtsvollen Umgang mit den Schuldigen bei jedem der in Mt 18,15-20 angeführten Schritte anmahnt: Bevor die nächste Stufe der Auseinandersetzung  folgt, sollte man seine Handlung im Licht der Barmherzigkeit und der Rücksicht auf die Folgen für den Betroffenen prüfen. Vor allem dann, wenn es um die letzte Stufe, den Ausschluss aus der Gemeinschaft geht.  Die Absicht des Verfahrens in Mt 18,15-20 liegt meiner Meinung nach darin, dass dem, der schuldig geworden ist, durch Konfrontation mit den Folgen seiner Tat geholfen werden soll, damit er zurück zu einem bewussten Leben in oder auch außerhalb der Gemeinde findet.

Streiten können, ohne die Menschen zu verletzen, ist eine große Aufgabe. Ein Spannungsfeld, in dem nicht nur wir Christen leben. Streiten will gelernt sein, wenn der Streit im Ergebnis aufbauen und nicht zerstören soll.

Ludger Vornholz, Eslohe, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe