Zeiten der Erneuerung

14. Mai 2022
Meschede
Wort zum Sonntag

Nach einem Tag war seine äußere Hülle verschwunden. Einmal noch viel Staub aufgewirbelt und dann war es weg. Ein Schotterplatz, neue Aus- und Einsichten blieben zurück. Ich spreche von dem alten Fachwerkhaus am Stiftsplatz 11 in Meschede. Um 1840 als Bürgerhaus erbaut, war das in die Jahre gekommene verschieferte Fachwerkhaus am Ende wohl nur noch abbruchreif. Schade ist es schon, da ein Stück Alt-Meschede, Heimatgeschichte und sauerländischer Baukultur verschwand. In den Tagen vorher war das Gebäude bereits im Inneren ausgeräumt und nach unterschiedlichen Werkstoffen sortiert worden. Wie gesagt: Am vergangenen Freitagnachmittag und Samstag wurde der äußere Bereich Opfer des Abbruchbaggers und abgefahren.

Es ist vielleicht auch ein Bild für Dinge und Phasen unseres Lebens im Kleinen wie im Großen: Nach Neuerrichtung und guten Zeiten kommt manches schließlich in die Jahre. Es muss dann entweder grundlegend und von Innen her erneuert, muss mit neuem Leben gefüllt werden oder verkommt am Ende zur Ruine. Alle Romantik hilft dann nicht weiter.

Bei unserem Glauben ist es auch so. Auch er braucht eine stetige innere und auch äußere Erneuerung. Nur die äußere Hülle kann ihn so oder so nicht retten, sondern sie wird im Laufe der Zeit mürbe und baufällig. Die Osterzeit und auch das abschließende Pfingstfest sind unter anderem solche Zeiten der Erneuerung, damit das Glaubens- und Gebetsgebäude Stabilität hat und Leben behält.

Aus der Erbauungszeit des Hauses am Stiftsplatz, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, stammt ein Text des sauerländischen Dichters Friedrich Wilhelm Grimme (1827-1887). Er kam mir in diesen Tagen in den Sinn. Das Gedicht thematisierte den Gedanken einer inneren Erneuerung schon damals. Auch in unseren Tagen ist er trotz der heute etwas altertümlichen Sprache von bleibender Aktualität:

Heimat

O zimmre dir dein Haus im Herrn, und lass die Flügel seiner Liebe

das Dach dir decken: Und du hast die Heimat, wenn auch Nichts dir bliebe.

Das wanket schnell, was sonst wir baun, und wenn wir uns gebettet halten,

so fällt der Strahl ins feste Haus, um selbst die Pfosten zu zerspalten.

Und Zeiten kommen, die sind schwer; und Zeiten, wo wir fremd erscheinen

im Vaterland, im Vaterhaus fremd und verlassen steh’n und weinen.

Und wo du heimisch warst im Glück, da bist du fremd mit deinen Schmerzen.

Doch Zeiten kommen schwerer noch, da bist du fremd im eignen Herzen.

Drum zimmre dir dein Haus im Herrn, und lass die Flügel seiner Liebe

das Dach dir decken: und du hast die Heimat, wenn auch Nichts dir bliebe.

Einen gesegneten Maisonntag

Ihr

Michael Schmitt, Meschede, Pfarrer im Pastoralverbund Meschede-Bestwig