Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis  am 21./22.01.2023  zur 2. Lesung 1 Kor 1,10-13

25. Januar 2023
Schmallenberg
von Dechant Georg Schröder

Seid alle einmütig. Duldet keine Spaltung unter euch.

Der Apostel Paulus beschwört mit diesem innigen Wunsch seine Gemeinde, die gespalten ist. Gruppen haben sich voneinander getrennt und greifen sich gegenseitig an. Das macht ihm große Sorgen. „Das kann doch nicht wahr sein. Ihr wollt christliche Gemeinde sein?“  –  so fragt er sinngemäß seine Leute.

Die Gruppen Apollos, Kephas, Christus können nicht wirklich miteinander.

Ob sie noch zu einem Dialog fähig sind? Werden sie wieder zusammenkommen zu einer Gemeinschaft, die am Tisch der Eucharistie gut nebeneinander sitzen kann? Denn die Mitte sei doch der Gekreuzigte und Auferstandene Herr, meint Paulus. „Eint das Kreuz euch nicht mehr?“  –  so fragt er kritisch seine Gemeinde.

Heute ist es immer noch so. Die sich voneinander immer mehr entfernenden Gruppen in unserer einen katholischen Kirche sind sichtbar für alle.

Da gibt es die sogenannten Liberalen, die sagen, dass die Wahrheit gesucht werden muss im Austausch der Wissenschaften, der guten Argumente, der Vernunftgründe und der Erfahrungen der Menschen von heute.

Die liberale Demokratie ist zu verteidigen, weil sie Freiheit für jeden Einzelnen weitestgehend ermöglicht. Die Freiheit ist ein hohes Gut, das nur eingeschränkt wird von der Freiheit des anderen. Die Erklärung der universalen Menschenrechte sollte endlich von der katholischen Kirche, sprich vom Vatikan anerkannt und unterschrieben werden. Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen sollte auch in der katholischen Kirche gelten.

Da gibt es andererseits die sogenannten Konservativen, die sagen, dass die Wahrheit eindeutig von Gott gegeben worden ist. Die Wahrheit ist klar ablesbar im bischöflichen Lehramt der katholischen Kirche in der Person des Papstes. Alles, was der Papst sagt im Kirchenrecht, im Katechismus, in der Dogmatik, in der Morallehre, all dies ist unabänderlich. Deshalb kann ein Mensch nicht über sich selbst entscheiden und bestimmen, wie er leben will. Diese Freiheit der Selbstbestimmung geht zu weit.

Es gibt unter den sogenannten Liberalen und Konservativen aber auch diejenigen, die autoritär sind und anderen ihre Meinung aufzwingen wollen. Sie werden übergriffig und sind für die Seele des Einzelnen gefährlich, weil sie ihre Macht missbrauchen für eigene Zwecke. Der andere Mensch ist Mittel für ihre Interessen und nicht Zweck für sich selbst, also Zweck an sich.

Diesen gegenüber gibt es unter Liberalen und Konservativen diejenigen, die ihre große oder kleine Macht niemals gegen andere einsetzen. Sie sind im echten Sinne tolerant und können damit leben, dass andere anders sind, solange Frieden bleibt, der es ermöglicht, dass jeder und jede seinen und ihren Glauben leben kann und diesen Glauben feiert um den Tisch, den Jesus damals bereitet hat beim Abendmahl und bei seinen Brotfeiern.

Zu welcher Gruppe gehöre ich? Zu den Liberalen? Zu den Konservativen? Zu den Autoritären? Zu den Toleranten?

Gute Frage an jeden und jede von uns.

Als Priester möchte ich jedenfalls einer sein, der diese verschiedenen Gruppen vereint am Tisch Jesu. Jesus ist der ursprüngliche Garant einer Einheit für unterschiedlichste Menschen. Gucken wir uns nur den Jüngerinnen- und Jünger- Kreis an. Niemand wurde davon ausgeschlossen, es sei denn er oder sie wurde übergriffig wie die Verkäufer im Tempel, die Gottes Gnade verkauften und deswegen von Jesus hart angegangen wurden. Hier ging es um die Freiheit der Gnade Gottes, die niemals von Menschen vereinnahmt werden kann für eigene Zwecke.

Gottes Zuwendung ist frei für alle Menschen und im besten Sinne umsonst. Der Mensch ist frei, Gottes Zuwendung anzunehmen. Dafür ist Jesus der Mensch Gottes, der Sohn Gottes gewesen. Er hat die Freundschaft mit Gott gelebt.

Sie merken, liebe Schwestern und Brüder, die Freiheit ist für mich der Punkt unseres Glaubens, der mich berührt. Wir Menschen haben die Freiheit entdeckt in den letzten beiden Jahrhunderten. Sie soll uns nicht mehr genommen werden. Dafür trete ich gerne ein und vermute, dass die Freiheit zur Wahrheit gehört, die Jesus vorgelebt hat.

Aber ich werde nie aufhören, mit anderen nach dieser Wahrheit unter uns zu suchen. Ich bleibe auf dem Weg und schätze die Freiheit mit zunehmenden Alter immer mehr. Sie ist für mich der Anknüpfungspunkt unseres Glaubens an unsere freie, liberale Gesellschaft. Niemals möchte ich diese gesellschaftliche Freiheit missen  –  auch nicht als Gemeinschaft im Glauben.

Wer frei zusammenkommt im Namen Jesu, empfängt von den Teilnehmenden in all ihrer Verschiedenheit einen Reichtum, der zum Leben gehört. Leben ist immer vielfältig, nie einfältig. Schauen wir in die Biologie oder in die Astronomie. Alles ist Teil des einen Universums.

Liebe Schwestern und Brüder, in dem offiziellen Gebet (TG 14), das ich vorgebetet habe, heißt es:

Jedem von uns hast du verschiedene Gaben gegeben. Keinem gabst du alles, keinem nichts. Jedem gibst du einen Teil.

Soweit die Feststellung. Weil das so ist, fährt das Gebet fort:

Hilf, dass wir uns nicht zerstreiten, sondern einander dienen mit dem, was du einem jeden zum Nutzen aller gibst.

Das bedeutet:

Liberale und Konservative, jede Gruppe oder Partei sollte sich fragen, was von ihrem Tun dem Nutzen aller dient.

Dient es dem Nutzen aller, wenn nur ehelos lebende Männer Priester werden dürfen?

Dient es dem Nutzen aller, wenn die Macht in der katholischen Kirche in einer Hand konzentriert ist?

Dient es dem Nutzen aller, wenn die eine christliche Gruppe meint, besser christlich zu leben als die andere christliche Gruppe?

Was aber dem Nutzen aller dient, dient der Einheit in Verschiedenheit.

Das Leben Jesu, seine Ausstrahlung einer unbedingten Liebe, sein Weg, der wegen der unbedingten Liebe das Leiden am Kreuz ertrug, diente dem Nutzen aller Menschen.

Das ist Erlösung, Befreiung zu einem Leben in Fülle hier und heute und über den Horizont des Todes hinaus.

Wir leben von der Hoffnung, dass wir einmal vereint sein werden in einer Daseinsform, die unterschiedlichste Menschen versammelt.

Wenn wir nur daran glaubten, gelänge Versöhnung unter uns in der Kirche. Dann wären wir ein Sakrament des Heils für die Einzelnen und für die Welt. Sakramente sind sichtbare Zeichen der Nähe Gottes zu uns Menschen. Seien wir diese überzeugenden Zeichen für alle Menschen, zum Nutzen aller.

Dann, so meine ich, haben wir als Gemeinschaft im Namen Jesu eine wohltuende, heilende Wirkung in leider oft so heillosen und kriegerischen Situationen.

Ja, bitten wir unseren Gott:

„Hilf, dass wir uns nicht zerstreiten, sondern einander mit dem dienen, was du einem jeden zum Nutzen aller gibst.“

 

Georg Schröder (Dechant im Dekanat Hochsauerland-Mitte)