Kirchliches Leben ist ohne den Einsatz von Frauen undenkbar

29. November 2021
Paderborn
„Frauen in der Kirche“ – Erzbistum Paderborn auch im Frauen-Karriere-Index gut bewertet – Besser als der konservative Ruf

Kirchliches Leben ist ohne den Einsatz von Frauen undenkbar. Sie arbeiten haupt- und ehrenamtlich in allen kirchlichen Handlungsfeldern von Pastoral und Caritas, in Forschung und Bildung, Medien, Diözesanverwaltungen, Verbänden und Gremien. Dennoch wird die Rolle „Frauen in der Kirche“ intensiv diskutiert. Auch beim Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland ist dem Thema ein eigenes Forum gewidmet. Eine besondere Rolle spielt dabei die Frage nach der Weihe, von der Frauen weiterhin ausgeschlossen sind.

Dürfen Frauen in der Kirche nur Kaffee kochen? Das ist ein in dieser Absolutheit längst überholtes Klischee, wie die Praxis zeigt. Frauen gestalten Kirche an vielen Stellen vielfältig mit, wie weibliche Führungskräfte, Verwaltungsleiterinnen, Gemeindereferentinnen, Ehrenamtliche und Kirchensteuerratsmitglieder aus dem Erzbistum Paderborn berichten. Sie sprechen über ihre Chancen, über die Unterstützung des Arbeitgebers, was gut gelaufen ist oder noch „Luft nach oben“ hat.

Als erste katholische Organisation in Deutschland hat sich das Erzbistum Paderborn durch den Frauen-Karriere-Index (FKi) extern bewerten lassen. Bei der von der Deutschen Bischofskonferenz geforderten Quote für Frauen in Führungspositionen von 30 Prozent ist das Erzbistum laut FKi auf einem guten Weg: Der Anteil von Frauen in Führung liegt bei knapp 29 Prozent. Der Gesamtfrauenanteil unter den Beschäftigten ist mit 65 Prozent hoch, ebenso die Quote von Akademikerinnen mit 49 Prozent. Nicht zuletzt liegt der Anteil der unter 40-jährigen Frauen mit 60 Prozent auf einem hohen Niveau. Der FKi empfiehlt, die Vorgabe der Bischofskonferenz ambitionierter nach oben zu erweitern und dabei auch den Blick auf die mittleren und oberen Führungsebenen zu richten.

Diözesan-Caritasdirektorin Esther van Bebber (links) informierte sich bei Doratea Erkeling und anderen Ehrenamtlichen der Caritas-Konferenz Hohenlimburg darüber, wie die Soforthilfen verteilt werden. Foto: cpd/Wolfgang Maas

Diözesanbaumeisterin Carmen Matery-Meding oder Diözesan-Caritasdirektorin Esther van Bebber sind gute Beispiele für starke Frauen in Führungspositionen im Erzbistum Paderborn, die auf höchster Ebene wirksame Kompetenz einbringen.

 

Eine Frau neben dem Pfarrer an der Spitze ein deutliches Zeichen

Führung und Verantwortung geht nicht nur in der Verwaltungsorganisation. Führungsverantwortung kann auch bedeuten, Verwaltung in der Kirchengemeinde zu organisieren. Bis vor wenigen Jahren nahm das für die Pfarrer viel Zeit in Anspruch – Zeit, die ihnen in der Seelsorge fehlte. Durch die Einführung von Verwaltungsleitungen ist hier für Entlastung gesorgt worden – ein großes Potenzial für Frauen, mit Managementkompetenz Verantwortung zu übernehmen und zu gestalten. Mittlerweile gibt es im Erzbistum 67 Verwaltungsleiter, davon 22 Frauen (Stand 12/21).

So wie Anja Werthmann (Pastoraler Raum Büren), die 2018 – im Pilotjahr „Verwaltungsleitung einführen“ – zu den ersten Verwaltungsleiterinnen im Erzbistum gehörte. „Neuland betreten – Mehr Raum für Seelsorge“, lautete damals das Schlagwort. „Da wird vielleicht der ein oder andere gedacht haben: Neuland in doppelter Hinsicht. Denn der Pfarrer gibt Arbeitsbereiche komplett ab und dann an eine Frau. Eine Frau neben dem Pfarrer an der Spitze eines Pastoralen Raums ist sicherlich ein deutliches Zeichen“, so Anja Werthmann, die die Anstellung beim Gemeindeverband mit seinen Fachbereichen als sehr hilfreich empfindet. „Verwaltungsleiterinnen gehören im Erzbistum von Beginn an zur Normalität, wenn auch nicht zur Mehrheit gegenüber ihren männlichen Kollegen“, sieht Werthmann noch Potenzial.

 

„Fokus Führung-Kurs“ genutzt, um in die Leitungsrolle hinzukommen

Eine gute Verwaltung ist das eine, der Glaube in einer Gemeinde muss mit Leben gefüllt werden. Das passiert im Erzbistum in vielfältiger Weise – und nicht nur auf den klassischen Feldern Gottesdienst- oder Sakramentenvorbereitung.

Barbara Hucht (stellv. Leitung Abteilung Beratungsdienste im EGV). „Ich habe den Schritt nicht bereut, und die Chance genutzt, mich nochmal komplett zu verändern. Es war auch die Chance, mich selbst zu entwickeln und eine Leitungs- und Führungsfunktion zu übernehmen“, blickt Barbara Hucht zurück.

 

Barbara Hucht

Die gute Atmosphäre im Team habe es ihr als Frau leicht gemacht, ihren Platz in der neuen Verantwortung zu finden. Das Arbeitgeberangebot „Fokus Führung-Kurs“ habe sie genutzt, um in ihre neue Rolle reinzukommen. „Viele Frauen sind in der Beratung tätig, deshalb ist es wichtig, dass auch eine Frau mit in der Leitung steht. Die Freude darüber konnte ich deutlich wahrnehmen.“ 28 Jahre hat Barbara Hucht als Gemeindereferentin gearbeitet, bevor sie sich entschied, hauptberuflich Tätige und als ehrenamtlich Engagierte im Erzbistum Paderborn in vielen Situationen ihres Berufs- und Gemeindelebens zu beraten. Eine Aufgabe, die sie schon lange interessiert hatte. Doch die eigenen Kinder hatten erstmal Priorität vor der Karriere, die mit einer aufwendigen Zusatzausbildung verbunden gewesen wäre. „Als unsere Kinder groß waren und ich schon knapp 50 Jahre alt habe ich die Ausbildung zur Beraterin begonnen“, so Hucht, die sich den für sie mutigen Schritt nun zutraute. Drei Jahre später konnte sie dann in die stellvertretende Leitung wechseln.

 

Erstmals eine Diözesanseelsorgerin beim BDKJ

Andere Berufe waren über viele Jahrzehnte Männern und meist sogar Priestern vorbehalten. Beim Bund Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ) hat Helena Schmidt im Juni 2021 als Diözesanseelsorgerin eine solche Aufgabe übernommen.

Helena Schmidt (Diözesanseelsorgerin beim BDKJ): „Ich bin die erste Frau im BDKJ-Diözesanverband, die dieses Amt bekleidet. Für die Mitglieder der Jugendverbände ist dies ein wichtiges Signal der Gleichberechtigung und Vielfalt in unserer Kirche. Im Nachgang zu meiner Wahl kamen auf mich viele Menschen zu, dass es eine riesige Chance ist, dieses Amt geöffnet zu haben. Es gibt Freude darüber, dass es eine weibliche Ansprechpartnerin gibt, ich nah an der Zielgruppe bin, Vielfalt abbilde und gerne glaube. Mit diesem Rückenwind bin ich in gestartet. In der Praxis angekommen fühle ich mich mit den Tätigkeiten, den Menschen und den Herausforderungen sehr wohl. Neben dem typischen Wahnsinn der Eingewöhnungszeit bin ich immer wieder herausgefordert, mich mit Sätzen wie ‚Kannst du als Frau denn autoritär genug auftreten?‘ oder ‚Ich sehe eine große Sorge darin, dass wir in den Jugendverbänden weniger Priester haben‘ oder ‚Priester können untereinander einfach besser und auf dem kurzen Dienstweg kommunizieren.‘ konstruktiv auseinander zu setzen. Auf Leitungsebene habe ich bisher festgestellt, dass mein Gegenüber häufig ein Mann, oft sogar ein Priester ist. Dass mehr Frauen in Führungspositionen gehen, ist eine Realität und ich freue mich auf mehr Diversität in unserer Kirche.“

Helena Schmidt

 

Hoffnung, dass sich in Zukunft Frauen an mehr auch hauptberuflichen Stellen beweisen können

Drei Frauen sind aktuell Mitglied des Kirchensteuerrates im Erzbistum Paderborn – in diesem Gremium ist somit definitiv noch mehr weibliche Beteiligung möglich und erwünscht. Das Grundproblem liegt wie so oft an der Wurzel: Voraussetzung für eine Mitgliedschaft im Kirchensteuerrat ist eine Mitgliedschaft in einem Kirchenvorstand.

Sonja Hansmann (Kirchenvorstand Pastoraler Raum Marsberg und Kirchensteuerrat): „Weiterhin stellt sich die katholische Kirche gegen das Frauenpriestertum. Somit bleibt Frauen weiterhin der Weg in dieses Amt verwehrt. Doch an manchen Stellen kommen nun die Frauen an Stellen, die ein Mitspracherecht ermöglichen. Bei mir ist es das Ehrenamt, begonnen mit der Mitgliedschaft im Kirchenvorstand in Marsberg und dann seit Januar 2020 mit der Mitgliedschaft im Kirchensteuerrat des Erzbistums Paderborn. Der Weg dahin war für mich als Diplom-Handelslehrerin und Studienrätin am Berufskolleg in den Fächern Wirtschaft und katholische Religion erstaunlich einfach. Leider sind wir Frauen noch immer in der Minderheit, doch es zeigt, dass zumindest hier ein Weg der Mitsprache, wenn auch im Ehrenamt, möglich ist. Ich möchte allen Frauen Mut machen, ihren Weg in der Kirche zu gehen in der Hoffnung, dass sich in Zukunft Frauen an mehr auch hauptberuflichen Stellen in der Kirche beweisen können.“

In Verbänden Führungspositionen längst etabliert

In den Verbänden zeigt sich deutlich, dass Frauen nicht nur einen großen Anteil stellen, sondern sich in Führungspositionen behaupten und längst etabliert haben.

Birgit Poggenpohl (ehrenamtliche Diözesanvorsitzende SkF). „Paderborn hat einen konservativen Ruf, doch das stimmt so nicht. Hauptamtlich und ehrenamtlich stehen die Frauen im Erzbistum insgesamt gut dar. Und es gibt ganz viele Frauen, die weiter an der Veränderung arbeiten wollen. Viele Entscheidungen hängen ohnehin an der Weltkirche“, zieht Birgit Poggenpohl ihr persönliches Fazit und wünscht sich ein noch selbstbewussteres Auftreten: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel.“ Dankbar ist sie für der Vertrauen bei der Arbeit der SkF. Der Vorstand habe hier zwar nicht so viel operative Macht, aber entscheide doch sehr eigenständig über die Vergabe von Geldern. „Das nehmen wir als große Wertschätzung wahr.“ Die AG Frauenverbände und der Austausch mit Dr. Annegret Meyer (Abteilungsleitung Glauben im Dialog, Erzbischöfliches Generalvikariat) seien wichtig und „tun uns gut“. Auf der Wunschliste von Birgit Poggenpohl steht aber noch, dass Gremien besser paritätisch besetzt werden.

„Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“

Im Erzbistum Paderborn gibt es bereits zahlreiche Initiativen, um die Aufstiegschancen von Frauen zu fördern. Das Erzbistum nimmt seit 2018 am Programm „Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf“ teil. Bisher gibt es sieben Absolventinnen. Aktuell sind zwei Frauen als Mentees unterwegs. Im Dezember werden zwei weitere Plätze für den Durchgang 2022/23 ausgeschrieben. 2019 wurde zusätzlich eine Kompetenzeinheit Frauen gegründet. „Ein sehr gutes Programm, das uns Frauen hilft, in Leitungspositionen hineinzuwachsen“, sagt Barbara Hucht.

Zertifikat berufundfamilie

Das renommierte Zertifikat berufundfamilie zeichnet das Erzbistum als Arbeitgeber aus, der eine hohe Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht. Seit 2019 ist es außerdem möglich, Führungspositionen als geteilte Führung mit zwei Personen zu besetzen. Die flexiblen Arbeitszeitmodelle im Erzbistum Paderborn sind für Frauen wie für Männer gleichermaßen attraktiv.