Für andere da sein 

17. Juli 2021
Schmallenberg
Wort zum Sonntag

Vor einigen Tagen war ich zu einer Fortbildung in Frankfurt und stand abends an der Haltestelle und wartete auf die nächste S-Bahn. Nachdem ich mich orientiert hatte, schaute ich zur gegenüberliegenden Straßenseite und sah dort auf der Fahrbahn einen Mann mit gesenktem Kopf stehen. Seine Beine waren bis zu den Knien mit Bandagen umwickelt und im Arm hielt er eine Cola-Flasche und einen Pappbecher. Die Autos fuhren um ihn herum. Plötzlich kam eine junge Frau aus einer Gaststätte, wo sie mit Freunden den Abend verbrachte. Sie sprach den Mann an und führte ihn behutsam von der Straße auf die Bank an der mir gegenüberliegenden Haltestelle. Ich dachte, sie setzt den Mann jetzt in die nächste Straßenbahn, aber das geschah nicht.

Stattdessen setzten sich beide auf die Bank an der Haltestelle. Der Mann redete mit gesenktem Kopf und die Frau hörte zu. Die Cola-Flasche fiel ihm aus der Hand und die Frau hob sie auf und gab ihm zu trinken. Und sie hörte weiter zu. Die beiden saßen immer noch zusammen als meine S-Bahn kam. Ich selbst war ziemlich sprachlos und erstarrt und habe mich gefragt, warum ich nicht aktiv geworden bin. Denn hier habe ich gespürt, dass mitten in der Hektik und im Lärm der Stadt ein Heiliger Ort entstanden ist. Eine Begegnung, die nicht geplant war, ein Ort, der zufällig entstanden ist, außerhalb eines Gebäudes. Zeit, die nicht verplant war, sondern geschenkt wurde. Und ich höre die Worte aus dem heutigen Evangelium: „Jesus sah die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mk 6, 34).

Dieser Mann hatte eine Hirtin gefunden und das war kein Priester, keine Gemeindereferentin, kein Hauptamtlicher der Kirche, sondern eine einfache Frau von der Straße. Und ich höre den Propheten Jeremia sagen: „Ich werde für sie Hirten erwecken, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen.“ (Jer 23, 4)

Monika Winzenick, Schmallenberg, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe