Fahrt zum Himmel

15. Mai 2021
Bestwig
Wort zum Sonntag

 

 

Wir kennen das: 1000 Mal haben wir etwas gehört und beim 1001. Mal trifft uns ein Gedanke mitten ins Herz. So ging es mir, als mir vor vielen Jahren plötzlich aufging: Unglaublich, Christ Himmelfahrt ist ja so etwas wie „Weihnachten rückwärts“. Gott, das Göttliche steigt hinab zur Erde, nicht nur in einer Vision oder zu einem kurzen Besuch, sondern um einer von uns zu werden, Mensch zu werden. Und nun steigt der Mensch Jesus hinauf zu Gott. Ein wirklicher Mensch ist bei Gott, das Menschliche ist in Gott. Das Endliche ist im Unendlichen. „Der Mensch kann es aushalten, mitten in Gott zu sein, mitten in diesem absoluten Feuer, mitten in dieser Unbegreiflichkeit.“ (nach Rahner)

 

Diese Perspektive liegt nicht in ferner Zukunft, nichts ist mehr wie vor Christi Himmelfahrt. Wir haben den Himmel auf Erden. Wörtlich. Während ich das schreibe, frage ich mich – wie so oft, wenn ich Worte aus der Bibel höre: Glaube ich das eigentlich? Prägt dieser Glaube meinen Alltag, mein ganzes Sein und Tun? Manchmal erfahre ich, wie plötzlich im Kerker der Unzulänglichkeit etwas Kostbares aufblitzt: Ein festlich gedeckter Tisch riecht nach Liebe, Worte sind mehr als Informationen, Begegnungen mehr als Treffen, ein Liebe-voller Blick heilt eine offene Wunde, Gesten berühren zärtlich meine Seele. Der banale Alltag wird heilig.

 

Rainer Maria Rilke:

„Ja, es ist möglich,

in jedem Augenblick des Lebens

eine Kehrtwendung zu machen.

Eine Wendung hin zu sich selbst

und zu dem Himmelreich,

dem unendlichen Potenzial in uns.

Ja, das ist möglich.“

 

Schwester Maria Ignatia Langela SMMP, Bergkloster Bestwig