Es verschlägt einem die Sprache

5. März 2022
Eslohe
Wort zum Sonntag

Seit einigen Tagen versagt mir meine Stimme den gewohnten Dienst. Heiserkeit macht mir das Sprechen schwer. Bei einem Beruf, der überwiegend die Stimme benötigt, ein Umstand, den man nicht gebrauchen kann. Ein Pfarrer, der nur schwer Worte findet und diese Worte auch nur leise, manchmal nur hauchend sprechen kann, ist ziemlich hilflos.

Während ich mir im Anschluss an eine Messfeier eine Tasse Tee aufgieße, taucht auf dem Handy plötzlich eine Meldung auf mit dem Hinweis: „Clubs und Diskotheken dürfen wieder öffnen.“ Mir fällt beim Lesen der Nachricht ein, dass sich nach einer kürzlich stattgefundenen Karnevalsveranstaltung dreißig Leute mit dem Coronavirus SARS–CoV-2 infiziert haben. Selbst in meinem Freundes- und Bekanntenkreis tauchen immer wieder Mitteilungen von Erkrankungen auf.  Das Virus ist also trotz der Lockerungen noch nicht weg. Die Ansteckungsgefahr bleibt.

Zu der Sorge um die Folgen der Pandemie, schießen mir die Bilder vom russischen Angriffskrieg in der Ukraine in den Kopf. Erschütternde Szenen von weinenden Kindern, die sich von Ihren Vätern verabschieden müssen und mit ihrer Mutter und Geschwistern auf der Flucht sind, um sich in Sicherheit zu bringen.  Die Anweisung des russischen Präsidenten an seine Generäle sogenannte „Abschreckungswaffen“ in Bereitschaft zu halten, nähren zudem die Sorge, einem atomaren Angriff ausgesetzt zu werden. Telefonate mit weinenden und verzweifelten Menschen, die von einem Pfarrer Hoffnung und Zuversicht, ja sogar Antworten auf Fragen wie: „Warum lässt Gott das alles zu?“ erwarten, ergänzen den Berg von Herausforderungen, der sich plötzlich vor meinem geistigen Auge auftürmt und ich,  der Pfarrer, bin heiser. Mir hat es die Sprache verschlagen.

Nicht nur die sprachliche Formulierung ist für mich anstrengend, auch eine allerseits befriedigende Antwort auf die Fragen der Menschen zu geben, fällt mir schwer. In den Sturm meiner Gedanken kommt mir plötzlich die erste Zeile eines Gedichtes von Reinhold Schneider in den Sinn. Er schrieb 1936 ein beeindruckendes Sonett, das mit den Worten beginnt: „Allein den Betern kann es noch gelingen das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten!“ Auf einmal wird mir meine Heiserkeit zu einem Hinweis auf die Kraft eines Gebetes. Mein Blick fällt auf das Kreuz an der Wand. So formt sich mit dem Blick auf das Kreuz meine innere Bereitschaft, die Zukunft neu aus dem Glauben an Jesus Christus zu gestalten. Und dass alles nur, weil es mir im wahrsten Sinne des Wortes „die Sprache verschlagen hat“.

Ludger Vornholz, Eslohe, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe