Ein bisschen Urlaub in jedem Alltag

9. Juli 2022
Wort zum Sonntag

Man sagt: Im Urlaub haben wir Zeit für Dinge, die in den Herausforderungen des Alltags sonst nicht möglich sind. Das stimmt natürlich – irgendwie, aber nicht ganz, wie ich finde. Zeit wird oft als Argument angeführt, warum man nicht mitten im Alltag Dinge tut, die urlaubsverdächtig sind. Ich habe einmal ein Seminar angeboten „Erlebnisse, die man nicht kaufen kann“. Mit Brot und Wein sind wir gegen Abend aufgebrochen, sind auf den Kreuzberg bei Wormbach gestiegen und haben bei Sonnenuntergang vor der Himmelsleiter Abendbrot gegessen. Als es dunkel wurde, verstummten langsam unsere angeregten fröhlichen Gespräche und bekamen unmerklich durch Gedanken, die uns sehr berührten, einen anderen, sehr persönlichen Charakter. Und vielleicht hat der eine oder andere von uns mit Jakob gesagt: „Wirklich, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“ (Gen 28, 16) Erst als es stockdunkel war, sind wir wieder zurückgefahren. Das nicht käufliche Erlebnis hat keine zusätzliche Zeit gekostet und war nicht teurer als ein „normales“ Abendbrot. Aber es war ein bisschen Urlaub an einem ganz gewöhnlichen Tag.

 

Für jeden gibt es hin und wieder einen freien Tag. Wie könnte er zu einem „richtigen“ Urlaubstag werden? Mich reizt die Idee, morgens nach einem gemütlichen Frühstück mit der Familie oder mit Freunden an den Bahnhof zu gehen, ohne zu wissen, wann ein Zug kommt und wohin er fährt. Ein Teil der Gruppe steigt auf Gleis 1 in den „erstbesten“ Zug ein. Der andere Teil steht auf Gleis 2 und verfährt ebenso. Die Kleingruppen einigen sich, wann sie aussteigen. Beim gemeinsamen Abendbrot erzählen alle, was sie erlebt haben. Ein bisschen Urlaub mitten in der Routine des Alltags. Man braucht ihn nicht vorzubereiten und im Augenblick kostet er 9 €.

Unser Schöpfer, der große Creator, hat in jedes Herz ein wenig Kreativität gelegt. Loben wir ihn mit unseren kreativen Gedanken!

 

Schwester Maria Ignatia Langela SMMP, Bergkloster Bestwig