„Die sozial-ökologische Krise ist auch eine spirituelle Krise“

9. November 2021
Bergkloster Bestwig
Interessante Thesen und Standpunkte beim Forum Weltkirche im Bergkloster Bestwig

Im Bergkloster Bestwig forderte Dr. Sandra Lassak kirchliche Institutionen und Verbände dazu auf, für den Umwelt- und Klimaschutz auf die Straße zu gehen. Wenn ein bekannter Neurobiologe wie Gerald Hüther erkläre, dass Wissen unter die Haut gehen muss, „so gehört es doch gerade zu unserem Glauben, sich von diesem Thema anrühren zu lassen.“ Doch in Deutschland hätten wir noch eine bürgerlich sehr in sich geschlossene Kirche: „Insofern ist die sozial-ökologische Krise im Innersten auch eine zutiefst spirituelle Krise.“
Lassak war Gastrednerin beim Forum Weltkirche im Bergkloster. Die theologische Grundsatzreferentin des bischöflichen Hilfswerkes Misereor erinnerte vor 60 Besucherinnen und Besuchern an die 2016 erschienene Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus, die die öko-logisch-sozialen Fragen unserer Gesellschaft in den Blick nehme. „Doch was ist seitdem passiert?“, fragt sie und stellt fest: „Die Bilanz fällt noch sehr ernüchternd aus.“
Papst Franziskus fordere eine „zufriedene Genügsamkeit“, bei der Weniger Mehr ist. Nur wenn es gelinge, den Kreislauf des konsumorientierten Denkens zu durchbrechen, könne man die Welt retten. „Stattdessen aber hat die Corona-Phase die Krisen dieser Welt wie unter einem Brennglas hervortreten lassen“ – und gleichzeitig sei alles dafür getan worden, möglichst schnell wieder dorthin zurückzukommen, wo man vorher war.
Wie kommt die Menschheit aus diesem Dilemma heraus? Und was können wir als Einzelne tun? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Veranstaltung unter dem Thema „Sorge um unser gemeinsames Haus – sei Du die Veränderung, die es braucht für die Welt.“
Dazu diskutierte die Chefredakteurin des Missionsmagazins kontinente, Beatrix Gramlich, nach dem Vortrag von Dr. Sandra Lassak auch mit Hildegard Hansmann-Machula, der Vorsitzenden des Waldbesitzerinnen NRW e.V., und Heinrich Lammers, dem Leiter des Ju-gendbauernhofes Hardehausen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn.
Lammers erzählte vom Alltag auf dem Jugendbauernhof, wo die Schülerinnen und Schüler abseits von Konsum und Medien „zufriedene Genügsamkeit“ erfahren würden. Er machte deutlich: „Natürlich darf man auch mal Fleisch essen. Aber eben nicht immer. Wenn die Ju-gendlichen fragen, was mit den Schweinen und den Hühnern passiert, sage ich, dass wir sie irgendwann schlachten. Doch bis dahin sollen sie glücklich leben.“ Die konventionelle Landwirtschaft sei dagegen in die Massentierhaltung gedrängt worden, weil immer schnel-ler und immer günstiger produziert werden muss. Lammers appellierte: „Wir haben einfach das Maß verloren. Und das müssen wir wiederfinden.“
Auch Waldbesitzerin Hildegard Hansmann-Machula entwickelte 2007 nach dem Sturm Ky-rill ein ganz neues Verhältnis zur Natur: „Bis dahin war der Wald einfach da. Und in dieser Nacht war er auf einmal weg. 11 Hektar Fichten. Von diesem Augenblick an war nichts mehr
Presseinformation selbstverständlich.“ Jetzt werde die Holzindustrie lernen müssen, nicht nur auf die Fichte zu setzen, sondern viele Hölzer zu verwenden: „Entscheidend ist, dass das Holz in Deutschland bleibt und hier verbaut wird: Denn auch dann bindet es weiter CO2.“
Auf die Frage, ob Frauen den Wald besser und nachhaltiger bewirtschaften als Männer, räumte Hansmann-Machula ein: „Frauen sind emotionaler. Und wahrscheinlich haben sie eine intensivere Verbindung zum Leben.“ Sandra Lassak ermunterte dazu, diesem schöpfe-risch-weiblichen Prinzip mehr Wertschätzung entgegenzubringen. „Es ist ja auffällig, dass im Umweltaktivismus vor allem Frauen auftreten. Bei ihnen ist das Bewusstsein für den Lebenserhalt offenbar viel präsenter.“
Die Theologin bezweifelt, dass von der Klimakonferenz in Glasgow wegweisende Signale ausgehen – und auch die Visionen der zukünftigen Regierungsparteien gäben wenig Hoff-nungen auf zukunftsweisende Veränderungen: „Selbst ein Tempolimit scheint ja nicht mög-lich.“ Umso wichtiger sei es, dass jeder bei sich selbst beginne. Entwicklungen wie aktuell bei der E-Mobilität zeigten, wie schnell doch noch Bewegung in Prozesse und politische Entscheidungen käme, sobald sich der Konsens in der Gesellschaft ändert.