Der Zweifel als Chance des Glaubens

23. April 2022
Schmallenberg
Wort zum Sonntag

„Ob du glaubst, es gebe einen Gott oder ob du glaubst, es gebe keinen: Wenn du niemals Zweifel hast, dann beschwindelst du dich selbst oder du schläfst. Zweifel sind die Ameisen in der Hose des Glaubens. Sie sorgen dafür, dass du munter bleibst.“  meinte einmal der US-Theologe Frederick Buechner.

Im Sonntagsevangelium ist auch von einem Zweifler die Rede, nämlich vom sprichwörtlich gewordenen ungläubigen Thomas, jenem Apostel, der es sich nicht nehmen lässt, den Auferstandenen auf Herz und Nieren zu überprüfen. Auch Thomas plagen diese Ameisen des Glaubens, lassen ihn nicht ruhen bis er sich Gewissheit verschafft hat: Ja, es ist wirklich Jesus, der da vor ihm steht. Wie kann er nur daran zweifeln mögen viele entrüstete Fromme unserer Tage vermuten. Aber ich denke, die meisten von uns heutigen Menschen sind diesem Thomas von vor 2000 Jahren sehr ähnlich. So wie Thomas haben auch wir Zweifel am christlichen Glauben und an der Kirche als dessen Verkünderin. Thomas war sich ja sicher gewesen, dass der Tod gesiegt hatte, dass Jesus gescheitert war. So manchem und mancher geht es mit dem persönlichen Glauben ganz ähnlich, vor allem denjenigen von uns, deren Lebensträume zerplatzt, deren Pläne und Wünsche gescheitert und durchkreuzt worden sind.  Durch die bedrückenden vergangenen Jahre der Corona-Epidemie und ganz aktuell durch den verheerenden Ukrainekrieg ist der Lebensweg vieler Menschen steinig und gefährlich geworden. Vielen fällt da der Glaube an einen fürsorglichen Gott zunehmend schwer.

Nun wurde der Apostel Thomas auch Heiliger der Neuzeit genannt, weil er wie der moderne Mensch nicht einfach blind glauben will, weil auch er seine Zweifel nicht unterdrückt, weil er nicht nachreden will, was andere ihm erzählen; er will selbst Erfahrungen mit Jesus machen, wenn dieser wirklich auferstanden ist. Jesus jedenfalls weist den Fragen stellenden Jünger nicht zurück, sondern nimmt ihn ernst, geht auf ihn ein und lässt sich von ihm berühren.

Der Glaubenszweifel gehört zum Christsein dazu. Wir sind immer nur auf dem Weg zur Wahrheit. Auf diesem Weg aber gibt es Hindernisse, Irrtümer, Fragen und Zweifel. Aber der Zweifel birgt auch die Chance des Glaubens in sich. Es geht nicht darum, den Zweifel über einen naiven, unbekümmerten Glauben zu stellen. Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini schrieb einmal: „Der Glaube ist die Fähigkeit, die eigenen Zweifel zu ertragen.“ Der persönliche Glaube kann demnach vielleicht nur dann unbekümmert und unerschütterlich werden, wenn er durch den Zweifel hindurchgegangen ist.

Der Bericht vom ungläubigen Thomas und seiner Zeitgenoss*innen handelt von Alltagsmenschen, wie wir sie sind, von Ungläubigen und Gläubigen, Treuen und zugleich Untreuen, in Konflikte verstrickte und zugleich nach Einheit und Frieden strebenden Menschen. Wenn es für Thomas trotz oder gerade wegen seiner Zweifel doch noch Ostern werden konnte und sein Glaube wieder erwachte, warum sollte das nicht auch für uns gelten?

Thomas Rickert, Ständiger Diakon im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe