Die Sicht auf das Wesentliche

3. Juli 2021
Bad Fredeburg
Wort zum Sonntag

Wandern ist etwas, was mir wirklich Freude macht. Besonders freue ich mich auf tolle Fernsichten. Von den Gipfeln der Berge hat man sie fast automatisch, aber manchmal gibt es auch etwas abseits liegende Aussichtspunkte, auf die ein kleines Schild hinweist. Meine Aufgabe als Pastor sehe ich manchmal wie die eines solchen Hinweisschildes: Vorbeikommende hinweisen auf die schöne Aussicht, die der Glaube schenkt. Auf die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Auf die Liebe des barmherzigen Schöpfergottes. Ob die Menschen einfach vorübergehen oder sich von der schönen Aussicht selbst überzeugen wollen, entscheiden sie selbst. Das Schild gibt nur die Richtung an. Allerdings ist der Ausblick nicht immer gleich gut – je nach Wetterlage. Bei Nebel kann man praktisch gar nichts sehen. Dann kann das Schild soviel hinweisen wie es will. Falls überhaupt jemand daherkommt, wird er bestimmt nicht zum Aussichtspunkt gehen.

Wenn die kirchliche „Großwetterlage“ derart trüb und nebelig ist wie im Augenblick, hat das kleine Hinweisschild kaum einen Sinn. Wer geht im Nebel schon zu einem Aussichtspunkt? Und selbst wenn da noch jemand wäre, der einem erzählen kann, was man alles sehen könnte – was nutzt das. Tatsächlich sieht man eben nur trüben, kalten Nebel.

Bei einem solchen Wetter bin ich schon einmal auf dem Feldberg im Schwarzwald gewesen. Ich hoffte eine Weile auf Besserung, hatte aber Pech. Anders war es vor einigen Jahren in Irland. Mit einem Freund stieg ich auf einen Berggipfel von Süden her, wo wir in der Sonne waren. Die Aussicht nach Norden war aber durch eine Wolkenmauer, die direkt unterhalb des Gipfels begann, versperrt. Es kam noch eine Gruppe junger Leute, die beim Anblick des Nebels jedoch schnell wieder verschwand. Wir warteten. Mit der Sonne im Rücken fiel unser Schatten auf den Nebel, um den herum ein kreisförmiger Regenbogen erkennbar war. Das sah schon toll aus. Dann plötzlich riss die Wolkendecke auf und der Blick ins Tal wurde frei. Es war unbeschreiblich beeindruckend und schön, viel schöner als wir zuvor geahnt hatten.

Und so hoffe ich, dass auch in meiner Kirche Kräfte wirken, die durch Wärme den kalten Nebel auflösen und durch frischen Wind die Schleier wegfegen, damit die Sicht auf das Wesentliche wieder frei wird. Wann genau das passieren wird, kann niemand sagen. Doch wer überzeugt ist, dass hinter dem Nebel etwas Außergewöhnliches auftaucht, dessen Erwartungen werden wahrscheinlich noch übertroffen, wenn es soweit ist.

In der Hoffnung auf baldige ungetrübte Aussichten wünscht Ihnen schöne Sommer- und Urlaubstage

Ullrich Birkner, Bad Fredeburg, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe