Wort zum Sonntag

Macht und Missbrauch

Christopher König

In der letzten Zeit beschäftigt mich ein Thema immer wieder intensiv: Wie kann es in unserer Gesellschaft, in unseren Systemen und Organisationen immer wieder zu Missbrauchsfällen kommen? Ich weiß, dass wir bei schweren (vor allem körperlichen) Missbrauchsfällen von Tätern sprechen, die eine krankhafte Störung haben. Aber Missbrauch passiert auch im Kleinen – ich denke an Mobbing oder auch an respektloses Verhalten: Schnell wird sich zum Beispiel bei Sitzungen von den männlichen Teilnehmern darüber lustig gemacht, dass die Veranstaltung pünktlich beendet wird, da die teilnehmenden Mütter nach Hause an ihren Herd müssten.

Was haben all diese Vorfälle und Erlebnisse gemeinsam? Eine Reinigungskraft würde nie den Manager in ihrem Unternehmen zu nicht einvernehmlichen Handlungen zwingen können. Ein Schüler würde niemanden mobben, dem er auf Augenhöhe begegnet. Missbrauch passiert immer im Rahmen eines Machtgefälles. Je stärker das Gefälle und je autoritärer das System aufgebaut ist, desto einfacher und öfter ist (vor allem psychischer) Missbrauch.

Und auch wenn wir den kranken Täter nicht ändern können – wir können trotzdem bei uns selbst anfangen, aufmerksam zu sein und zuzuhören: Wo bin ich in einer machtvollen Position und baue Autorität auf? Wo mache ich Scherze zu Lasten anderer? Wo trage ich zu einem Klima bei, in dem Respektlosigkeiten toleriert werden? Wo überhöre ich Rückmeldungen und übergehe Bedürfnisse anderer Menschen?

Ich bin nicht perfekt – kein Mensch ist das. Auch ich erinnere mich an Situationen, die mir heute leidtun. Und ich erinnere mich an Situationen, in denen ich gelitten habe. Hier hilft es mir, mich daran zu erinnern, dass ich Christ bin: Ich kann vergeben und auch selbst um Vergebung bitten.

Christopher König, Referent für Jugend und Familie im Dekanat Hochsauerland-Mitte