Wort zum Sonntag

Eine Ermutigung zu Weihnachten

Georg Schröder

Was mich nachhaltig aufwühlt, innerlich umtreibt, ist die Frage: Schafft es unsere Kirche, genauer: Schaffen es unsere Bischöfe zusammen mit dem Papst, die systembedingten Ursachen für den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester nicht nur aufzudecken (dies ist durch mehrere Untersuchungen geschehen), sondern zu beheben?

Ein mutiger Aufbruch würde für mich sichtbar werden, wenn die Sexualmoral auf eine neue Ebene der Verantwortung für ein Leben in verbindlicher Beziehung gehoben, wenn der Pflichtzölibat für Priester aufgehoben und wenn die machtvolle Stellung des Klerus eingeschränkt würden. Ich aber zweifele, ob das gelingen wird. Wie gehe ich weiter mit diesem Zweifel?

Ich gehe weiter in unserer Kirche. Ich möchte alle Kirchenmitglieder ermutigen, aufrechte und selbstbewusste Getaufte zu sein, die sich beteiligen an Diskussionen in und außerhalb der Kirche, die ihre eigene Meinung äußern und diese mitteilen. Was „von unten“ in der Kirche direkt „nach oben“ geäußert wird, hat eine verändernde Wirkung.

Es ermutigt mich zu erfahren, dass Christinnen und Christen Verantwortung übernehmen für den Glauben in Gemeinschaft. Dass wir in unserem Dekanat in sogenannten „Modellprojekten“ versuchen, Gemeinde und Gemeindeleitung zu praktizieren ohne einen Priester oder Hauptamtlichen vor Ort, ist ein Baustein hin zu einer Kirche ohne den vorhin angesprochenen machtvollen Klerikalismus. Da wird manches auch mal schief gehen. Da werden wir uns immer wieder verständigen müssen, wer was zu entscheiden hat. Aber wenn wir einander vertrauen, dass der oder die andere das Wohl der Gemeinschaft im Blick hat und wir darüber diskutieren, dann geht es weiter. Seien wir „fehlerfreundlich“!

An Weihnachten feiern wir die Menschheit, die wegen all ihrer Verfehlungen von Gott berührt worden ist in einem „fehlerfreundlichen“ Menschen, der keine Berührungsängste kannte, der keine Gewalt ausübte, der andere frei setzte, damit sie leben konnten, wer sie sind und dies mit anderen zusammen entdecken sollten.

Jesus waren Systeme von Gemeinschaft, z.B. Familie, Gemeinde, Berufsgruppen, Hierarchien, Regierungen und Ähnliches ziemlich gleichgültig, außer, dass sie den Menschen, für die sie da waren, wahres Menschsein ermöglichten. Denn jeder Mensch sollte leben dürfen, sich entwickeln können, fruchtbar sein nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Mitmenschen. Das lebte Jesus vor mit seinen Freundinnen und Freunden. Letztlich betete er vor seinem gewaltsamen Tod für seine Peiniger. So sah seine „Fehlerfreundlichkeit“ aus. Unfassbar  –  oder?

Ich appelliere an uns alle in der Kirche, Gottes Menschwerdung als Ansporn zu sehen, unsere freie, demokratische Gesellschaft mitmenschlich, wahrhaftig und respektvoll zu prägen.

Allen Christinnen und Christen wünsche ich eine „fehlerfreundliche“ Gemeinschaft an Weihnachten.

Georg Schröder, Dechant