Material Firmvorbereitung

Die göttliche Zuwendung zum Menschen im „Herrn der Ringe“

Ein Beitrag von Michael Strothmeier

Der „Herr der Ringe“ kann (in seiner literarischen wie seiner filmischen Form) vor allem deshalb zu einem hilfreichen Instrument im Rahmen der Firmvorbereitung werden, weil viele junge Menschen mit dieser sehr populären Geschichte vertraut sind. Dabei ist anzunehmen, dass nur wenige sich dessen bewusst sind, dass es sich bei diesem Urwerk der fantastischen Literatur um eine fundamental christliche Erzählung handelt, die als solche das Mysterium der Zuwendung Gottes zum Menschen im Heiligen Geist von einer ungewöhnlichen Seite her beleuchtet. Die nachfolgenden Überlegungen hierzu orientieren sich an Tolkiens literarischem Werk, das durch die Arbeit mit Filmausschnitten aus Peter Jacksons Filmtrilogie vergegenwärtigt und verdeutlicht werden soll.

Zunächst ist festzustellen, dass das von Tolkien gewählte Symbol für die Beschreibung der Zuwendung Gottes zum Menschen nicht das Feuer ist. Die Feuersymbolik wird im „Herrn der Ringe“ beinahe ausschließlich im Zusammenhang mit den Mächten der Dunkelheit – d.h. vor allem Sauron (von Flammen umringtes Auge), seiner Heimstatt (Feuer des Schicksalsberges in Mordor), seinen Schergen (Balrog) und dem Ring (Feuerrad) verwendet. Dort, wo ein Feuer im Herzen des Helden Sam entbrennt, handelt es sich um ein Feuer der Wut: Als er im Turm von Cirith Ungol die Schreie seines misshandelten Herrn Frodo hört, zu dessen Rettung er heraneilt. Tolkien wählt stattdessen ein anderes Symbol für die Beschreibung der göttlichen Zuwendung zum Menschen, und zwar das der Engel.

Tolkien beschreibt einen polaren Dualismus: Auf der Seite des Guten bzw. des Lichtes stehen der Eine Gott (er wird im „Herrn der Ringe“ zwar nicht ausdrücklich erwähnt, wird aber in der Logik der Geschichte vorausgesetzt), seine obersten Engel (Valar) und die Helden der Geschichte – vor allem der Schutzengel Gandalf mit seinen Gefährten sowie die engelhaften Elben Galdriel und Elrond. Auf der Seite des Bösen bzw. der Finsternis stehen die gefallenen Engel Morgoth (auch er wird nicht explizit erwähnt, der Balrog ist einer seiner Diener), Sauron und Saruman samt ihren Schergen. Figuren wie Boromir und Gollum verdeutlichen die Grauzonen und das individuelle Ringen im Spannungsfeld der beiden Machtbereiche. Der „Herr der Ringe“ handelt von dem Kampf des Guten gegen das Böse und beschreibt dabei anhand der genannten Figuren Tolkiens katholisch-christliche Sicht des Bösen bzw. seiner Überwindung vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen der Industrialisierung und vor allem der beiden Weltkriege, die der traumatisierte Tolkien hier literarisch verarbeitet.

Die Überwindung des Bösen ist am Ende weder der Verdienst der beiden Haupthelden Frodo und Sam, noch ihrer mächtigeren Freunde, sondern göttliches Geschenk (Gnade). Sie vollzieht sich durch die Vernichtung des Ringes bzw. Saurons. Das Geschehen, infolgedessen der Ring am Ende vernichtet werden kann, ist an die Figur Gollum gebunden – eine Sünderfigur, der gegenüber als erster Bilbo Gnade walten lässt, obwohl Gollum ihn nach seinem Ringfund und dem verlorenen Rätselspiel ermorden will. Bilbo ist versucht, ihn zu erschlagen, als Gollum ihn den Ausgang aus dem Nebelgebirge versperrt. Aber er hat Mitleid mit der Kreatur und verschont ihr Leben, obwohl er damit das Risiko eingeht, dass Gollum ihn weiter verfolgt und nach seinem Leben trachtet. Später sind es die Elben, von denen Gollum eine Zeit lang gefangen gehalten wird, die ebenfalls Erbarmen mit der gebrochenen Kreatur empfinden, sodass sie ihm mehr Freiheiten gewähren, was seine Flucht zur Folge hat. Dann trifft Gollum auf Frodo, der nicht nur sein Leben verschont (obwohl er befürchten muss, im Schlaf von Gollum ermordet zu werden), sondern ihm auch noch so sehr zu vertrauen bereit ist, dass er sich von ihm nach Mordor führen lässt. Frodos Liebe bewirkt in Gollum einen Umkehrprozess, der allerdings nicht von Dauer ist, sodass sich der schizophrene Charakter bald wieder von seinen bösen Absichten leiten lässt. Er verfolgt Sam und Frodo bis hinauf auf den Schicksalsberg, und hier ist es wiederum Sam, der – obwohl er dem verhassten Gollum aufgrund seiner Bosheit mehrfach den Tod gewünscht und sich Rachegedanken hingegeben hatte – im entscheidenden Augenblick dennoch sein Leben verschont, sodass Gollum Frodo den Finger samt Ring abbeißen und damit in das Feuer des Schicksalsberges stürzen kann. Durch die Gnade Gottes ist Gollums letzter Betrug, seine letzte böse Tat zugleich die bestmögliche Tat für Frodo und die Welt. Gollums böser Wille dient schlussendlich als Instrument zur Überwindung des Bösen.

Anders als Gollum dienen Frodo und Sam nicht als bloße Instrumente des göttlichen Willens, sondern handeln aus freien Stücken und setzen ihren Weg auch in größten Gefahren immer wieder fort, obwohl sich ihnen mehrere Auswege und Möglichkeiten der Abkehr bieten. Und an diesen beiden Figuren wird das von Tolkien beschriebene Phänomen der Erfahrung einer göttlichen Zuwendung zum Menschen besonders deutlich, und zwar durch das Symbol des geistig-emotionalen Beistands, den die Engelsfiguren Elrond, Galadriel und Gandalf den beiden Helden unabhängig von ihrer physischen Präsenz zukommen lassen, und der es den Helden immer wieder neu ermöglicht, neuen Mut und neue Hoffnung zu schöpfen.

Als Sam durch Gollums Selbstgespräch von seinen Verratsabsichten erfährt, warnt ihn „etwas“ davor, vorsichtig zu sein und sich das soeben erlangte Wissen nicht anmerken zu lassen. Es stellt sich die Frage, worum es sich bei diesem „etwas“ handelt. Es handelt sich wohl um eine Intuition, die sich durch Elronds, Galadriels oder Gandalfs geistig-emotionales Wirken einstellt. Als Sam mit Kankra kämpft und in ihren Augen seinen Tod sieht, erhält er geistigen Beistand und verfällt sozusagen in eine Zungenrede – er spricht plötzlich eine Sprache, die er zuvor nicht gekannt hatte. Auch Frodo spricht in Kankras Höhle Worte, die er nicht kennt, so als ob eine andere Stimme durch ihn spräche. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um das geistig-emotionale Wirken Elronds, Galadriels oder Gandalfs, von dem berichtet wird, dass er mit seinen mitleidenden und hoffnungsvollen Gedanken stets bei Sam und Frodo ist.Und wahrscheinlich ist es ebenfalls eine dieser drei Engelsfiguren, die am Schicksalsberg in Sam und Frodo ein Gefühl der plötzlichen Dringlichkeit bewirkt und ihnen trotz ihrer völligen Erschöpfung einen finalen Kraftakt ermöglicht. Bei solchen Szenen handelt es sich um auf der erzählerischen Ebene zur Überwindung des Bösen (Saurons und des Ringes) beitragende, bewusstseinsimmanente personale Interaktionen zwischen Sam bzw. Frodo und einer zweiten, wahrscheinlich angelischen Instanz.

Möglicherweise verarbeitet Tolkienhier eine mystische Erfahrung, die er in einem Brief mit seinem Sohn Christopher teilte, während der als Soldat im Zweiten Weltkrieg diente. Tolkien begreift darin das schutzangelische Wesen als zur Personalisierung der Liebe zwischen Vater und Sohn im Heiligen Geist analoge Personalisierung der göttlichen Zuwendung zum Menschen, die das Herz mit Liebe ergreift. Er beschreibt eine Vision des göttlichen Lichtes, und darin aufgehoben Millionen von Staubkörnern, und ein einzelnes Staubkorn, auf das sich Tolkiens Geist richtete. Das Staubkorn glitzerte weiß und wurde von einem individuellen (aber von dem Licht nicht getrennten, sondern nur durch das Staubkorn und seine Position im Verhältnis zum Licht definierten) Lichtstrahl gehalten und erleuchtet. Dieser Lichtstrahl war, so Tolkien, der Schutzengel des Staubkorns. Nicht etwas zwischen Gott und Kreatur, sondern die göttliche Aufmerksamkeit selbst in Gestalt einer endlichen Person. Tolkien beschreibt diese Vision als eine endliche Parallele zum unendlichen trinitarischen Verhältnis: So wie die Liebe des Vaters und des Sohnes die Person des Heiligen Geistes ist, so ist die Liebe des Lichtes zum Staubkorn ebenfalls eine Person, und zwar eine göttliche, aber zugleich endliche – eben ein Engel. Tolkien beschreibt diese liebevolle Zuwendung des Lichtes zu dem Staubkörnchen z.B. auch in einer Szene in Elronds Rat, in der Frodo sich über seine eigenen Worte wundert und den Eindruck hat, dass ein fremder Wille seine Stimme benutzt. Auch bei seiner Begegnung mit Kankra scheint eine fremde und selbst angesichts der drohenden Gefahr nicht beunruhigte und klare Stimme durch seine Stimme zu sprechen. Bedenkt man Tolkiens Überzeugung, wonach der Heilige Geist zuweilen, wenn auch selten, durch den Menschen spricht und ihm ungeahnte Kunst, Kraft und Einsicht verleiht, kommt man zu dem Schluss, dass Tolkien die göttliche Zuwendung zum Menschen einerseits als Heiligen Geist und andererseits als Engel fasst; bzw. den Engel als die endliche Entsprechung zur unendlichen Person des Heiligen Geistes denkt.

Die göttliche Zuwendung zum Menschen wird im „Herrn der Ringe“ vor allem über das Medium des Herzens vermittelt. Wenngleich in Tolkiens Welt dem Symbol des Feuers eine vollkommen andere Bedeutung zukommt, so handelt die Geschichte doch von „Feuerzeugen“: Von Menschen, die es zulassen, dass Gott ihre Herzen mit seiner Liebe ergreift, sodass Angst und Mutlosigkeit von ihnen abfallen und sie trotz oder gerade wegen ihrer Kleinheit Großes bewegen.

 

Vorschläge für die praktische Arbeit
Die Katechetinnen und Katecheten, die das Thema mit den FirmbewerberInnen behandeln, sollten optimaler Weise Tolkiens Romanvorlage kennen. Auf Seiten der FirmbewerberInnen ist hingegen eine Kenntnis von Jacksons Filmumsetzung vollkommen ausreichend. Die Erfahrung zeigt, dass viele Jugendliche mit dieser Verfilmung bereits vertraut sind. Wenn eine Gruppe keinerlei Vorkenntnisse mitbringt und sich keine Gelegenheit für das recht zeitintensive (wenngleich lohnende) Betrachten der Filme bietet, kann auch auf Tolkiens sehr knappe, den jeweiligen Bänden vorangestellte Zusammenfassungen der Geschichte zurückgegriffen werden.

Vorschlag 1: Filmausschnitt + Textarbeit – Frodo in Elronds Rat
Filmausschnitt: Peter Jackson (Regie), Der Herr der Ringe. Die Gefährten. Special Extended DVD Edition, New Line Home Entertainment 2002, Teil 1, Timecode 1:37h.

Text: Die Mittagsglocke läutete. Noch immer sprach niemand. Frodo warf einen Blick auf alle Gesichter, aber sie waren ihm nicht zugewandt. Der ganze Rat saß mit niedergeschlagenen Augen da, als ob er in Gedanken vertieft sei. Eine große Angst befiel ihn, als ob er die Verkündung irgendeines Schicksalsspruches erwartete, den er lange vorausgesehen und von dem er dennoch vergebens gehofft hatte, daß er nie ausgesprochen würde. Eine überwältigende Sehnsucht, sich auszuruhen und friedlich mit Bilbo in Bruchtal zu bleiben, erfüllte sein Herz. Schließlich sprach er, mühsam, und er wunderte sich, seine eigenen Worte zu hören, als ob irgendein anderer Wille sich seiner kleinen Stimme bediente. „Ich werde den Ring nehmen“, sagte er, „obwohl ich den Weg nicht weiß“. (Tolkien, John Ronald Reuel, Der Herr der Ringe. Erster Teil: Die Gefährten. Aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux, Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S. 329)

Erläuterung: Wie bei den anderen Vorschlägen auch, ist es wichtig, nicht nur den Film, sondern auch die Romanvorlage zu betrachten, weil ansonsten einige Details nicht erfasst oder fehlinterpretiert werden können. So lässt die bloße Betrachtung des Filmes u.U. darauf schließen, dass Frodos plötzlicher Entschluss einer Eingebung des Ringes entspringt, wobei der Roman einen anderen Schluss nahe legt: Der Entschluss ist das Resultat eines inneren Konfliktes – Frodo hat Angst und wird (von dem Ring) dazu versucht, seinem Gefühl des Berufen-Seins nicht zu folgen, sich nicht den Gefahren Mordors auszusetzen, sondern im schönen Bruchtal zusammen mit Bilbo die Füße hochzulegen und Pfeifenkraut zu rauchen. Doch diese Angst und Mutlosigkeit fallen von ihm ab, als sein Herz plötzlich von einer göttlichen Zuwendung ergriffen wird. Frodo sieht ein, dass er von Gott dazu auserwählt wurde, den Ring zu vernichten, und er fügt sich dieser Bestimmung. Er vertraut darauf, dass Gott dafür sorgen wird, dass der Ring auf diesem Wege nicht Sauron in die Hände fällt (wenngleich er ahnt, dass diese Aufgabe sein Leben fordert), obwohl er eigentlich keinerlei Hoffnung auf Erfolg haben dürfte, weil er ja noch nicht einmal den Weg nach Mordor kennt. Frodo ist hier keineswegs naiv – er kennt die Gefahren, die von den Ringgeistern ausgehen, und er macht sich keine Illusionen über sein eigenes Schicksal – aber er vertraut darauf, dass der Eine Gott seine Schöpfung nicht dem Untergang preisgeben wird (denn genau das würde geschehen, wenn Sauron den Ring erhielte). Und so erklärt er sich aus freien Stücken dazu bereit, ein Rad (kein Rädchen) in dem großen Heilsplan Gottes zu werden. Diese Hintergründe der Szene lassen sich im offenen Diskurs mit den FirmbewerberInnen erörtern. Dabei können Impulsfragen hilfreich sein, z. B.: „Was führt zu Frodos plötzlicher Entscheidung?“, „Inwiefern zeigt die Szene eine religiöse Erfahrung?“ Wünschenswerter Weise kann von hier aus an die eigenen Erfahrungen der FirmbewerberInnen angeknüpft werden durch Fragen wie z.B.: „Kennt Ihr solche Gefühle wie Frodo sie hat – Angst und Hoffnungslosigkeit, die plötzlich und scheinbar von außen in neuen Mut und Zuversicht verwandelt werden – auch von Euch selbst? Wenn ja, aus welchen Situationen?“

 

Vorschlag 2: Filmausschnitt + Textarbeit – Frodo am Amon Hen
Filmausschnitt: Peter Jackson (Regie), Der Herr der Ringe. Die Gefährten. Special Extended DVD Edition, Teil 2, Timecode 1:13h.

Text: Mauer über Mauer, Brustwehr über Brustwehr, schwarz, unermeßlich stark, ein Berg aus Eisen, ein Tor aus Stahl, ein Turm aus Adamant: so sah er Barad-dûr, Saurons Festung. Alle Hoffnung verließ ihn. Und plötzlich spürte er das Auge. Da war ein Auge in dem Dunklen Turm, das nicht ruhte. Er wußte, daß es seinen Blick bemerkt hatte. Ein grimmiger, entschlossener Wille war da. Es sprang ihm entgegen; fast wie einen Finger fühlte er es nach ihm suchen. Sehr bald würde es ihn aufspüren und genau wissen, wo er war. Es strich über Amon Lhaw. Es blickte auf Tol Brandir – Frodo ließ sich von dem Sitz fallen, kauerte sich zusammen und zog sich die graue Kapuze über den Kopf. Er hörte sich selbst aufschreien: Niemals! Niemals! Oder hatte er gerufen: Wahrlich, ich komme, ich komme zu dir? Er wußte es nicht. Dann schoß ihm ein anderer Gedanke in den Sinn, als ob er ihm von einer anderen Macht eingegeben worden sei: Nimm ihn ab! Nimm ihn ab! Narr, nimm ihn ab! Nimm den Ring ab! Die beiden Mächte kämpften in ihm. Gleichsam durchbohrt von der Stoßkraft ihrer Angriffe, wand er sich einen Augenblick lang in Qualen. Plötzlich wurde er sich wieder seiner selbst bewußt. Frodo, weder die Stimme noch das Auge: frei, sich zu entscheiden, und nur ein Moment blieb ihm für diese Entscheidung. Er zog den Ring vom Finger. Er kniete im hellen Sonnenschein vor dem Hochsitz. Ein schwarzer Schatten wie ein Arm schien über ihn hinwegzuziehen; er verfehlte Amon Hen und suchte weiter im Westen und verblaßte. Dann war der ganze Himmel klar und blau, und Vögel sangen in jedem Baum. Frodo erhob sich. Eine große Müdigkeit lastete auf ihm, aber sein Entschluß stand fest, und sein Herz war leichter. „Ich werde jetzt tun, was ich tun muß“, sagte er. (Tolkien, John Ronald Reuel, Der Herr der Ringe. Erster Teil: Die Gefährten. Aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux, Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S. 483f.)

Erläuterung: Unmittelbar vor dieser Szene hatte Boromir versucht, Frodo den Ring abzunehmen. Der konnte entkommen, indem er den Ring aufsteckte, und nun sieht er sich in einer Vision mit Saurons erdrückender Macht konfrontiert. Sauron verfügt ebenfalls über eine von seiner physischen Präsenz unabhängige geistig-emotionale Wirkmächtigkeit, die Frodo in dieser Szene zu spüren bekommt. Die von Gandalf repräsentierte göttliche Macht und die von Sauron repräsentierte anti-göttliche Macht kämpfen in Frodos Geist um ihren Einfluss auf denselben – sozusagen der Engel auf der einen, der Teufel auf der anderen Schulter. Saurons Einfluss auf Frodos Geist geht mit dessen Verlust aller Hoffnung einher, wohingegen Gandalfs Einfluss lediglich bewirkt, dass Frodo nicht der anti-göttlichen Macht erliegt, sondern sich auf seinen freien Willen besinnt, wodurch eine Last von Frodos Herz genommen wird. Nachdem Saurons Schatten verschwunden ist, nimmt Frodo die Schönheit der ihn umgebenden Natur wahr, schöpft neuen Mut und ist entschlossen, seiner Berufung zu folgen. Diese Hintergründe der Szene lassen sich wiederum im offenen Diskurs mit erörtern, wobei die oben genannten Impulsfragen auch hier angewendet werden können. Über die sprichwörtlich gewordenen Engelchen und Teufelchen auf der Schulter ließe sich eine Verbindung zu den Erfahrungen der FirmbewerberInnen herstellen. Die in den biblischen Symbolen des Teufels und der Dämonen oder auch in Paulus‘ Rede von der personifizierten Sünde (Röm 7) zum Ausdruck gebrachte Erfahrung einer von außen auf den Menschen einwirkenden Macht ließe sich hier mit der ebenfalls biblisch bezeugten Erfahrung der Befreiung von solchen Einflüssen kontrastieren.

 

Vorschlag 3: Filmausschnitt + Textarbeit – Der abenteuerliche Weg Gottes
Filmausschnitt: Peter Jackson (Regie), Der Herr der Ringe. Die Zwei Türme. Special Extended DVD Edition, New Line Home Entertainment 2003, Teil 2, Timecode 1:31.

Text: Die tapferen Taten in den alten Geschichten und Liedern, Herr Frodo: Abenteuer, wie ich sie immer nannte. Ich glaubte, das wären Taten, zu denen die wundervollen Leute in den Geschichten sich aufmachten und nach denen sie Ausschau hielten, weil sie es wollten, weil das aufregend war und das Leben ein bißchen langweilig, eine Art Zeitvertreib, könnte man sagen. Aber so ist es nicht bei den Geschichten, die wirklich wichtig waren, bei denen, die einem im Gedächtnis bleiben. Gewöhnlich scheinen die Leute einfach hineingeraten zu sein – ihre Wege waren nun einmal so festgelegt, wie du es ausdrückst. Aber ich nehme an, sie hatten eine Menge Gelegenheiten, wie wir, umzukehren, nur taten sie es nicht. Und wenn sie es getan hätten, dann wüßten wir’s nicht, und dann wären sie vergessen worden. Wir hören von denen, die einfach weitergingen – und nicht alle zu einem guten Ende, wohlgemerkt; zumindest nicht zu dem, was die Leute in einer Geschichte und nicht außerhalb en gutes Ende nennen. Du weißt schon, nach Hause kommen und feststellen, daß alles in Ordnung ist, wenn auch nicht ganz wie vorher – wie beim alten Herrn Bilbo. (Tolkien, John Ronald Reuel, Der Herr der Ringe. Zweiter Teil: Die Zwei Türme. Aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux, Stuttgart: Klett-Cotta 2002, 369f.)

Erläuterung: Die Szene verdeutlicht Frodos und Sams Erfahrung des Berufen-Seins durch das Bild des Abenteuers – die beiden Hobbits wissen genau, dass sie von einer höheren Macht auserwählt wurden, den Ring nach Mordor zu bringen. Das wird Frodo spätestens in Elronds Rat endgültig klar, und Sam ist sich seiner Berufung unmittelbar nach seiner Begegnung mit den Elben im Auenland bewußt. Es erscheint den beiden, als wäre der Weg nach Mordor bereits angelegt worden – allerdings steht es ihnen völlig frei, diesen Weg zu beschreiten oder sich davon abzukehren. Im Gespräch mit den FirmbewerberInnen ließe sich fragen, ob jemand sich schon einmal zu etwas berufen gefühlt hat. Außerdem kann nicht nur auf diverse historische Persönlichkeiten rekurriert werden, sondern das Gespräch zudem auf die ultimative und als wahr geglaubte Geschichte Jesu Christ gelenkt werden, der sich dem Willen seines Vaters aus freien Stücken unterwarf und den ihm bereiteten Weg bis zum Ende am Kreuz gegangen ist.

 

Literatur
Bassham, Gregory/Bronson, Eric (Hg.), Der Herr der Ringe und die Philosophie. Klüger werden mit dem beliebtesten Buch der Welt, Stuttgart: Klett-Cotta 2009.

Boffetti, Jason, Tolkien’s Catholic Imagination, online unter <http://www.catholicculture.org/culture/ library/view.cfm?id=4154&CFID=20846163&CFTOKEN=23244711> (abgerufen am 18.11.2012).

Carpenter, Humphrey (Ed.), The Letters of J.R.R. Tolkien. With the Assistance of Christopher Tolkien, Boston/New York: Houghton Mifflin 2000.

Greydanus, Steven D., Faith and Fantasy: Tolkien the Catholic, The Lord of the Rings, and Peter Jackson’s Film Trilogy, online unter <http://www.decentfilms.com/articles/faithandfantasy> (abgerufen am 18.11.2012).

Häusler, Ulrike, Denn nichts ist böse von Anfang an. Kreativer Religionsunterricht mit Tolkiens „Der Herr der Ringe“, in: Religion heute 55 (2003), 151-163.

Hemminger, Hansjörg, Phantasie ist Freiheit. Ein Plädoyer für Harry Potter und den „Herrn der Ringe“ gegen kirchliche Bedenkenträger, in: Zeitzeichen 4 (2002), 53-55.

Meyer, Martin J., Tolkien als religiöser Sub-Creator, Münster: LIT 2003.

Meylahn, R., Narrative-Critical Approach as Hermeneutical Framework for a Creative Dialogue between Biblical Sources and Secular Extra-biblical Sources. The Lord of the Rings as an Entry into the Book of Revelation, in: Verbum et Ecclesia 30 (1/2009), 174-201.

Miesel, Sandra, The Universe according to Tolkien, online unter <http://www.catholicculture.org/ culture/library/view.cfm?recnum=5061> (abgerufen am 18.11.2012).

Schlosser, Marianne, Freiheit, Schicksal, Gnade – oder: drei Vater-unser-Bitten (Teil I). Eine theologische Relecture des „Herrn der Ringe“, in: Geist und Leben 78 (5/2005), 363-378.

Schlosser, Marianne, Freiheit, Schicksal, Gnade – oder: drei Vater-unser-Bitten (Teil II). Eine theologische Relecture des „Herrn der Ringe“, in: Geist und Leben 78 (6/2005), 455-469.

Shippey, Tom A., J.R.R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege, Stuttgart: Klett-Cotta 2002.

Smith, Mark Eddy, Tolkiens ganz gewöhnliche Helden. Tugenden und Werte in „Der Herr der Ringe“, Asslar: Schulte und Gerth 2003.

Tolkien, John Ronald Reuel, Der Herr der Ringe. Erster Teil: Die Gefährten. Zweiter Teil: Die Zwei Türme. Dritter Teil: Die Rückkehr des Königs. Aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux, Stuttgart: Klett-Cotta 2002