Wort zum Sonntag

Die Freiheit des Anderen achten

Pastor Ullrich Birkner

„Freiheit ist immer die Freiheit des Anderen.“ Dieses leicht abgewandelte Zitat von Rosa Luxemburg enthält für mich eine wesentliche Grundregel für das friedliche Zusammenleben der Menschen. Ich muss einkalkulieren, dass ich beim Entfalten meiner Freiheit die Freiheit anderer einschränken könnte. Leider ist es schwierig, immer wirklich jeden in den Blick zu nehmen, der von meinem Verhalten betroffen ist. Viel zu oft aber ist unser Denken derart eingeschränkt, dass wir glauben, es gibt in dieser oder jener Angelegenheit nur „entweder“ – „oder“. Meistens gibt es noch eine andere Lösung der Streitfrage.

So auch in der Geschichte von der Ehebrecherin in Joh 8. Wer den Text zum ersten Mal liest, wähnt Jesus hier in der Falle. Entweder er stellt das Gesetz des Mose als falsch hin oder er gesteht ein, dass die Vergebung Gottes nicht grenzenlos ist. Jesu Antwort ist zum geflügelten Wort geworden: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Den Pharisäern und Schriftgelehrten bleibt die Freiheit, die Steine zu werfen, denn die Bedingung Jesu ist keine, die im Gesetz steht. Der Frau steht es frei, ihr Leben zu ändern oder weiterzumachen wie bisher, trotz der Aufforderung Jesu, von nun an nicht mehr zu sündigen. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Daher gilt es auch, die Freiheit des Anderen zu achten.

Neben dem Einzelnen, unmittelbar Betroffenen ist uns heutzutage mehr und mehr auch die indirekte Eingrenzung der Freiheit großer Gruppen von Menschen bewusst. Dadurch, dass wir nicht immer direkt sehen können, wie wir das Leben anderer beeinflussen, wird es auch schwieriger, sich der Folgen unseres Handelns in seiner ganzen Tragweite bewusst zu werden. Plastikmüll in den Meeren, verunglimpfende Kommentare im Netz. In Sachen Ökologie und soziale Netzwerke sind die Folgen oft erst spät erkennbar und damit auch, in welcher Weise die Freiheit anderer missachtet wurde. Vor 25 Jahren z.B. trat ein Gesetz in Kraft, dass den Export von Giftmüll in ärmere Länder verbot. Dort hatte man oft keine Ahnung, welch gefährliche Fracht da angekommen war. Auch die Bundesrepublik wurde gezwungen, solche Lieferungen zurückzuholen und sich um die fachgerechte Entsorgung zu kümmern. Leider gibt es solche Transporte auch heute noch: ausgediente Handys werden als Second-Hand-Ware deklariert, gelten damit nicht als Müll, landen aber letztlich in irgendeinem Entwicklungsland genau dort – auf der Mülldeponie.

Es mag einem unmöglich erscheinen, aber wenn wir uns darum bemühen, die Freiheit des anderen, im direkten Umfeld und weltweit, im Auge zu behalten, dann, so denke ich, leistet jeder einzelne von uns einen wertvollen Beitrag für eine Welt echter Freiheit nach Gottes Willen.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ullrich Birkner, Bad Fredeburg, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg- Eslohe