Wort zum Sonntag

Der Schrei der Erde

Pastor Reinhold Schlappa

„Der Schrei“ heißt ein Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch. Er malte es 1895 und schrieb dazu in sein Tagebuch: „Eines Abends ging ich spazieren, die Stadt und der Fjord lagen unter mir. Die Wolken waren rot wie Blut in der untergehenden Sonne. Ich fühlte, wie ein Schrei durch die Natur ging. Mir schien, dass ich den Schrei hören könnte …“ Edvard Munch hörte den Schrei der Erde damals, als innerhalb eines einziges Jahres 40.000 Wale abgeschlachtet wurden – allein in den antarktischen Gewässern.

Aber was ging das die Menschen an, die auf den Schiffen gute Arbeit fanden. Tagtäglich rechtfertigen wir unser Vorgehen auf unserem Planeten mit der Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber ist es nicht in Wahrheit eine Schaffung von neuen Geldquellen für diejenigen, die daran verdienen?

„Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wäre.“, heißt es in einem Gedicht der jüdischen Lyrikern Lasker–Schüler. Ja, unsere Mutter Erde wartet auf die, die den Schrei der Mitgeschöpfe hören und mit ihrem Schrei darauf antworten. Unsere Mutter Erde wartet auf die, die nicht Wunden schlagen, sondern wie Jesus hingehen und die Wunden berühren und sie heilen.

Wir haben unserer Mutter Erde schon genug angetan, sie missbraucht und verletzt; als ob wir nicht verstehen, worum es heute geht. Auf seinem Weg nach Jerusalem sagte Jesus zu einigen Pharisäern, die ihn aufforderten, seine Jünger zum Schweigen zu bringen: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien“. Den Schrei unsere Erde kann man heute nicht mehr überhören, ja sie muss schreien, solange wir nicht begreifen und verstehen: Wer sind wir auf dieser Erde?

Reinhold Schlappa, Pastor im Pastoralen Raum Meschede Bestwig