Wort zum Sonntag

Der Charme des Nicht-Perfekten

Schwester M. Ignatia Langela SMMP

Ein Sohn lässt sich sein Erbe auszahlen, verschleudert es in einem fernen Land durch ein zügelloses Leben, wie es im Evangelium heißt. Aus lauter Not kehrt er zurück, wird vom Vater wortlos umarmt. Sein älterer Bruder wird zornig: So viele Jahre hat er gedient und nie wurde seinetwegen ein Fest gefeiert.

Von der Mutter ist in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn nicht die Rede. Außer dem älteren gibt es dort auch keinen weiteren Bruder. Anders bei André Gide in seinem Werk „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“. Die Mutter teilt dem Heimgekehrten ihre Sorge um den kleinen Bruder mit, der könne auch das Elternhaus verlassen. „Hast du bemerkt, wie er dich ansah, den ersten Abend? Was für ein Zauber ging für ihn von deinen Lumpen aus!“ (Insel-Bücherei Nr. 143, S. 28)

Vor kurzem erzählte mir jemand vom Unperfekthaus in Essen. Hier bekommen Künstler, Gründer und Gruppen kostenlos Räume, Technik, Bühnen uvm. Und mitten in diesem 4000 m²-großen Haus treffen sich Privat- und Geschäftsleute zum Essen, für Seminare oder zu Besprechungen. Man feiert Geburtstage und Betriebsfeste und lässt sich inspirieren. Ja: In-spiri-eren, da steckt Spiritus, Geist, drin.

„Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten.“ (Lk 15, 29) Alles ist geordnet, wohlgeordnet. Man braucht nur zu gehorchen. Aber wo alles schon klar ist, kann man das Leben wie aus einem Katalog kaufen: für alle gleich, gleich-schön, gleich-langweilig. Und den Urlaub kann man kaufen. Und den Glauben auch. Da gibt es nichts Aufregendes mehr, Abweichungen machen Angst. Alles ist Friede, Freude, … Aber ein Friede, der etwas Totes an sich hat, und eine Freude, die in Grenzen bleibt. Menschen, die leben möchten, brauchen vielleicht eine Kirche als Unperfekthaus, in dem jeder inspiriert wird durch Begegnungen mit Unperfekten, die auch auf der Suche sind, und mit Ritualen, die inspirieren, und mit Andersdenkenden, die den eigenen Horizont weiten.

Bei André Gide verlässt der kleine Bruder das perfekte Haus. 500 000 Menschen besuchen jährlich die Kreativszene mitten in der Stadt …

Schwester Maria Ignatia Langela SMMP, Bergkloster Bestwig