Wort zum Sonntag

Das leere Grab

Pastor Ludger Vornholz

“Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung…“, so sangen Cindy und Bert 1973. Immer wieder im Oktober taucht in mir die Erinnerung an meine Großmutter und unsere Besuche auf dem Balver Friedhof auf. Im Alter von ca. 5 Jahren nahm sie mich mit auf den Friedhof. Sie bepflanzte in den letzten Tagen des Oktobers die Gräber unserer Vorfahren für Allerheiligen und Allerseelen. An eine Grabstelle erinnere ich mich besonders intensiv. Sie ist heute nicht mehr da, aber in meiner Erinnerung unauslöschlich vorhanden. Es war die Grabstelle für zwei Brüder meiner Großmutter, Josef und Hermann, die in den letzten Tagen des Krieges noch eingezogen wurden. Sie waren noch im jugendlichen Alter. Auf dem Grabstein stand „vermisst in Stalingrad“. In meiner Erinnerung sehe ich meine Großmutter und mich vor dem Grabe stehen. Mein Großmutter verstummte dann für einige Minuten und anschließend beteten wir für die beiden Brüder ein „Vater unser“. Danach erzählte sie mir von der Ungewissheit, die meine Oma und damals meine Urgroßeltern und die anderen Geschwister und Freunde meiner Großonkel quälten, weil sie nicht wussten, was mit den beiden passiert war. Folgende Fragen blieben bis heute unbeantwortet: Sind sie gestorben? Wenn ja, wie? Leben sie noch irgendwo? Jedes Jahr aufs Neue, ihr ganzes Leben lang, kamen meiner Großmutter diese Fragen nach dem Schicksal ihrer Brüder wieder.

Meine Großmutter ist schon lange verstorben und ich hoffe und glaube, dass sie nun mit ihren Brüdern und der ganzen Familie bei Gott wieder vereint ist. In mir bleibt der Gedanke, was wohl aus den beiden Vermissten geworden ist und wenn sie verstorben sind, wo und wie? Das leere Grab hat so in mir Spuren hinterlassen. Spuren, die an die Grausamkeit eines Krieges erinnern, der unsägliches Leid über die Menschen in Europa gebracht hat. Es gibt sicher viele Familien, die aus der Kriegszeit ähnliche und oft grausame Erlebnisse erzählen können. Von Kindheit an hat meine Großmutter durch ihre Besuche und das gedenkende Gebet auf dem Friedhof den Wunsch und das Gebet um den Frieden in der Welt grundgelegt. Die Erinnerung ist eine große Hilfe, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Darum ist der Volkstrauertag wichtig. Nicht nur an diesem Tag sollte aus der Tiefe unserer Seele der Schrei ertönen: NIE WIEDER KRIEG!

Ludger Vornholz, Eslohe, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe