Wort zum Sonntag

Das kleine Licht

Pastor Ludger Vornholz

8. November 2020: Wie viele von Ihnen stehe ich in diesen Tagen an den Gräbern meiner verstorbenen Verwandten und Freunden. Mein Blick geht dabei hinunter auf das jeweilige Grab. Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse werden wach. Zwischen Lachen und Weinen schwankt die Stimmung. Fragen tauchen auf: Wie ist das, tot sein? Wie werde ich sterben? Wird mein Glaube an Jesus, den Sohn Gottes, so stark sein, dass ich in ihm die Kraft finde alles loszulassen, im festen Vertrauen darauf, dass der dreieinige Gott mich auffängt?

Während ich darüber nachdenke, fällt mein Blick auf die kleine rote Kerze, die ich auf das Grab vor mir gestellt habe. So klein und winzig wie es auch ist, spendet es in der Dunkelheit Licht und ist von weitem zu sehen. Ich nehme im gleichen Augenblick die vielen roten Lichter wahr, die auf den anderen Gräbern leuchten. Es sind keine großen, hellen Feuer, sondern bescheidene Lichter. Ich denke an das vergangene Leben der Menschen auf dem Friedhof. Auf die meisten von ihnen richtete sich kein von Schweinwerfern abgegebenes künstliches Licht und so blieben sie der Öffentlichkeit verborgen. Sie lebten ihr Leben, so gut sie es vermochten. Sie gaben ihre Liebe für andere, soviel sie konnten. Manches Leben glich eher einem Leidensweg als einer Straße zum Erfolg.

Und nun stehen auf allen Gräbern die Lichter symbolisch für das Licht, das sie einst der Welt gaben. Und plötzlich kommt mir der Satz Jesu in den Sinn: „Ihr seid das Licht der Welt!“ (Mt 5,14) Und eine große Dankbarkeit gegenüber den bekannten und unbekannten Verstorbenen erfüllt mich: Ihr habt der Welt euer bescheidenes Licht hinterlassen und die Dunkelheit des Lebens ein bisschen heller gemacht. Welches war die Quelle, aus der ihr die Kraft bekommen habt, „leuchten“ zu können? Bei den mir bekannten Verstorbenen war es der Glaube an Jesus, dem Auferstandenen.

Diese Gedanken geben mir Mut, dass auch ich mein kleines, bescheidenes Licht der Welt geben kann. Der Glaube an den Auferstandenen, so bete ich, gebe mir die Kraft dazu. Jedem Menschen wünsche ich die geistliche Begegnung mit Jesus und den Mut, das eigene, und sei es noch so kleine Licht, für die anderen Menschen leuchten zu lassen.

Ludger Vornholz, Eslohe, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg-Eslohe