Aktuelles_Hauptseite

Abschied von einer Kirche, wie wir sie kennen

Dr. Hadwig Müller machte deutlich: “Aktuell ist die Kirche viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wir müssen uns vergewissern, was uns als Christen ausmacht.” Foto: SMMP/Ulrich Bock

Forum Weltkirche im Bergkloster Bestwig diskutiert die Zukunft der Gemeinden

„Es wird Zeit, Abschied zu nehmen von der Kirche, wie wir sie kannten“, forderte die Pastoraltheologin Dr. Hadwig Müller beim Forum Weltkirche im Bergkloster Bestwig nicht nur ein Umdenken in der verfassen Kirche, sondern auch in den Köpfen jedes einzelnen Christen. „Wir müssen weg von dem Anspruch, für alle Milieus Angebote zu machen. Wir müssen die Welt und den Menschen suchen, objektive Erkenntnisse durch subjektive Gewissheit ersetzen“, so die Freiburgerin.

In ihrem Vortrag erklärte sie, dass es gut gewesen sei, die Kirche – wie sie war –in den vergangenen Jahrzehnten gehabt zu haben. Aber in dieser Form gehöre ihr nicht mehr die Zukunft. Dabei spricht sie auch aus ihrer zehnjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Kleingemeinden und Frauengruppen in Brasilien, die eigene Wege finden, ihren Glauben zu leben

. „In der verfassten Kirche ist alles mit dem Anspruch verbunden, die Wahrheit zu kennen und Wissen zu vermitteln. Jetzt aber müssen wir lernen, jedes Wissen für ein Nicht-Wissen zu öffnen.“ Denn man müsse alles infrage stellen, was bisher als unumstößlich galt. „Statistiken und Studien helfen uns dabei nicht. Es wird erhoben, was vergeht. Aber nicht, was im Werden ist.“ Das sei vergleichbar mit dem Werden eines Kindes. „Wenn die Eltern schon Pläne für ihr Kind haben, wird es ihm schwerer fallen, seinen eigenen Weg zu gehen und seine Fähigkeiten zu entfalten.“ Deshalb seien Christen angehalten, eine neue Dynamik zuzulassen „und da Bewegung zu schaffen, wo die Quelle des Lebens hervortritt.“

Diese Thesen bildeten die Basis einer interessanten Diskussionsrunde, an der auch der emeritierte Bischof Dr. Michael Wüstenberg und die Pastoralreferentin Schwester Sigrid Maria Hoves teilnahmen. Die Moderation übernahm der Leiter des Referats Weltmission, Entwicklung, Frieden beim Erzbistum Paderborn, Ulrich Klauke.

Bischof Dr. Michael Wüstenberg betont: “Unsere Aufgabe ist es, dass sich Menschen entfalten können. Manche Ämter haben sich durch den Erfindungsgeist der Kirche entfaltet.” Foto: SMMP/Ulrich Bock

Michael Wüstenberg leitete zehn Jahre lang die Diözese Aliwal in Südafrika: „Wenn eine Gemeinde dort drei Priester für 23 Orte hat, heißt das natürlich, dass wir Laien Leitung übertragen. Und dass wir Laien auch zugestehen, ihre eigenen Ideen zu entwickeln.“ Schließlich habe die Urkirche genauso angefangen, die noch keine Priesterweihe kannte. „Die Unterscheidung von Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen ist

unsinnig“, bekannte der Bischof unter Applaus. Die Christen müssten sich auf Augenhöhe begegnen. Schließlich spreche die Liturgie schon jedem Täufling zu, Anteil an Christus zu haben, der Priester, König und Prophet sei.

Wie der Weg zu einer neuen Kirche hierzulande aussehen kann, zeigte Schwester Sigrid Maria, die als Pastoralreferentin in Essen-Steele arbeitet: „Da fahren wir mit einer Rikscha von unserer Kleiderkirche aus auf die Wochenmärkte und bieten für kleines Geld Kleidung an. Wir schaffen Begegnungen. Und so, wie wir den Menschen offene Augen und ein offenes Herz schenken, schenken sie uns das zurück.“

Schwester Sigrid Maria stellt fest, dass sich mit einem solchen Projekt viel bewegen lässt: „Die Aktiven sind mit Begeisterung dabei und wollen etwas verändern.“ Keiner wolle sich heute mehr für 20 Jahre an einen Kirchenvorstand binden – „aber diese Initiative, bei dem man unverbindlicher einsteigen und mitarbeiten kann, tragen ganz viele mit.“ Und so entstehe vielleicht eine neue Gemeinde.

Rausgehen und auf die Menschen zugehen: Das tut auch die Missionsprokuratorin der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, Schwester Klara Maria Breuer, bei ihrer Obdachlosenpastoral in Münster. Hadwig Müller machte deutlich, dass sie den Kundschaftern einer Kirche begegne, die wir noch nicht kennen: „Denn jede Begegnung mit einem anderen Menschen – ob Christ oder nicht – wird zu einer Quelle von Lebendigkeit, die beide Seiten verändert.“ Beide seien Suchende, beide Empfangende. Bisher sei das das aber nicht das Selbstverständnis der Kirche.

Insofern müssten sich die Perspektiven in der Kirche ändern. Das bedeute auch, dass das Verhältnis von Priestern und Laien und die Rolle der Frauen in der Kirche neu zu definieren sei, so Dr. Hadwig Müller. Aus dem Publikum heraus erlaubte sich die Klinikseelsorgern Schwester Theresia Maria Kösters die Schlussbemerkung: „Ich frage mich ja, wie lange sich die Kirche überhaupt noch den Luxus erlauben kann, an den Frauen vorbei Sakramente zu spenden und Messen zu zelebrieren.“

Moderator Ulrich Klauke bedankt sich bei den Podiumsteilnehmern und den besuchern für eine engagierte Diskussion. Foto: SMMP/Ulrich Bock