Wort zum Sonntag

Von der Ambivalenz der Vergebung

Pastor Ullrich Birkner

„Die Rache der Vergebung“ ist der Titel eines Buchs von Eric-Emmanuel Schmitt, französischer Autor und Regisseur. Ich habe es zwar im Regal, aber noch nicht gelesen. Der Titel aber, der so wunderbar widersprüchlich ist, bringt mich immer wieder mal ins Nachdenken, denn ich frage mich: Wie kann Vergebung gleichzeitig Rache sein?

Beim Nachdenken über Beerdigungen kam mir folgender Gedankengang: Kaum einer möchte, dass beim Begräbnis schlecht von dem verstorbenen Menschen geredet wird. Das muss man respektieren, aber damit fängt es schon an. Die negativen Erinnerungen möchte man loswerden. Man verzeiht und vergisst. Zurück bleiben die guten Eigenschaften und Taten des Menschen. Damit entsteht aber (nach und nach) ein Bild, das nicht der (vollen) Wahrheit entspricht. Man erinnert sich mehr und mehr an einen Menschen, den es so nicht gegeben hat. Aber wenn man sich nicht mehr wahrheitsgetreu erinnert – wo bleibt dann der echte Mensch, der gelebt hatte? Er verschwindet offenbar. Er ist nicht nur körperlich tot, sondern existiert auch in den Gedanken derer, die ihn kannten, in veränderter oder „reduzierter“ Form. Denn je mehr vergeben werden (muss), umso weniger bleibt vom wahren Menschen übrig.

Treiben wir es auf die Spitze: ein durch und durch schlechter Verstorbener, dem Gott all seine Schlechtigkeit vergibt und vergisst – was bleibt von ihm noch? Alles Äußerliche und aller Besitz verschwinden schließlich. Unsere Persönlichkeit, die Seele, macht aus, was wir gesagt und getan haben. Und wenn das alles vergeben und damit vergessen wird, sind wir nicht(s) mehr. Die wahre Erinnerung bleibt dann denen überlassen, die nicht vergeben und vergessen können. Aber möchte man das? Als Christen glauben wir, dass Jesus die Wahrheit und Gottes Barmherzigkeit ist. Damit bleibt in der Ewigkeit Gottes vom Menschen das, was sowohl wahr als auch gut ist, oder? Falls Sie über meinen Gedankengang nur verständnislos den Kopf schütteln, dann verzeihen Sie bitte meine Ausführungen und vergessen diese wieder und lassen mir so bitte auch die „Die Rache der Vergebung“ zuteilwerden.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ullrich Birkner, Bad Fredeburg, Pastor im Pastoralverbund Schmallenberg- Eslohe