Wort zum Sonntag

Das Wesentliche im Leben erkennen

Pastor Reinhold Schlappa

Einem Pastor ist folgendes geschehen: Es war Fronleichnam. Alles war sehr gut vorbereitet: die Birken gerichtet, die Altäre aufgestellt, die Musikkapelle bestellt, die Kommunionkinder dabei. Die Prozession setzt sich in Bewegung. Doch plötzlich entdeckt der Pastor, dass die Monstranz leer ist. Er hat den Leib Christi, die kleine konsekrierte Hostie, vergessen. Wie peinlich! An alles hat er gedacht, aber das Wesentliche, das Wichtigste, hat er vergessen. Erschrocken lässt er die Prozession anhalten, er rennt zum Tabernakel und setzt den Leib Christi in die Monstranz ein. Jetzt darf die Prozession weiter gehen. So ein Missgeschick kann schon einmal passieren, aber peinlich ist es trotzdem. Diese Geschichte hat mich nachdenklich gemacht. Könnte das nicht ein Bild sein für unser Leben? Oder für unsere Kirche? Sogar für unseren Kontinent Europa ?

Wir sind ständig unterwegs, vieles ist uns wichtig, fast alles gut geplant, perfekt organisiert. Dann aber plötzlich entdecken wir, erschrecken sogar darüber: es fehlt uns etwas und zwar das Wichtigste, das Wesentliche. Ohne das kann unsere Reise nicht weiter gehen.

 

Erich Kästner beschreibt es in seinem Gedicht so:

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug
und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft; ein andrer klagt;
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

 

Eine seltsame Bahnfahrt ist das. Ein Zug voller Menschen fährt durch ganz Europa. Kann uns heute jemand sagen, wohin diese Reise geht? Wer kann schon die Fragen nach Glück, Zuversicht und Lebenssinn erschöpfend beantworten?

Am Fronleichnamsfest gehen wir Christen mit einer Monstranz auf die Straßen mit einer Botschaft: unsere Welt bleibt nicht sich selbst überlassen. Unsere Welt und Gott gehören zusammen wie der Himmel und die Erde zusammen gehört. So wie die Sonne und die Erde nicht zu trennen sind, so sind auch Gott und Mensch nicht zu trennen.

Es gibt einen Weg, ein Licht, eine Lösung, einen Raum für alles, was wir heute in Frage stellen oder was wir bezweifeln. Unsere Reise erreicht den richtigen Bahnhof, wenn wir nach Gott fragen.

Als Gesellschaft, Kirche oder ganz Europa sind wir auf einer Reise. Die Frage nach unserer Zukunft ist auch die Frage nach unseren Wurzeln. Die Frage, woher kommen wir, beantwortet schon teilweise die Frage, wohin unsere Reise geht.

Reinhold Schlappa, Pastor im Pastoralverbund Meschede-Bestwig